Freitag, 05.06.2020 02:58 Uhr

Jetzt rollt der Fußball wieder - der Vernunft sei Dank!

Verantwortlicher Autor: Richard J. Flohr Berlin, 19.05.2020, 19:05 Uhr
Kommentar: +++ Sport-Nachrichten +++ Bericht 3858x gelesen

Berlin [ENA] Seit vergangenem Wochenende rollt er also wieder, der Profi-Fußball in Deutschland. Weltweit als hoffnungsvolles Beispiel beäugt und bestaunt, gibt er uns allen nicht nur ein Stück Normalität zurück, sondern zeigt auch, wie ein ganzer Wirtschaftszweig ohne staatliche Hilfe dem Untergang zu trotzen versucht. Dennoch mußte er sich zuvor teils absurden und populistischen Wortmeldungen stellen. - Was steckt dahinter?

Worum geht es eigentlich? Wirtschaftlich sind die 36 Profi-Fußball-Clubs der 1. und 2. Bundesliga mittelständische Unternehmen mit einem Jahresumsatz von zuletzt 4,8 Milliarden Euro. An ihnen hängen direkt 56.000 Arbeitsplätze. Und sie zahlten jährlich 1,4 Milliarden Euro Steuern und Sozialabgaben. Dies wird erwirtschaftet, indem die Clubs Fußball spielen, in einer Qualität und einer Organisation, die uns nahezu alle interessiert und fasziniert: So halten 74% der Deutschen die Bundesliga für einen festen Bestandteil der Gesellschaft. Durch den Corona-Lockdown wurde ihr Geschäft nun ebenso stillgelegt, wie das fast aller Bereiche: der Friseure, Einzelhändler, der Autoindustrie, Tourismusbranche und anderen.

Starkes Zeichen der Solidarität und Subsidarität

Und nun rufen diese 36 Clubs nicht nach staatlicher Hilfe, im Gegenteil: Die „Großverdiener“ ihrer Angestellten, meist Spieler und Trainer, verzichten freiwillig auf Teile ihrer Gehälter, damit die große Zahl der übrigen Mitarbeiter ihre Jobs und Einkommen behalten. Die vier umsatzstärksten Clubs zahlten freiwillig und bedingungslos in einen Solidaritätsfonds ein, um damit weniger gut situierten Wettbewerbern das Überleben zu sichern. Viele ihrer Akteure engagieren sich mit fünf-, sechs-, ja sogar sieben-stelligen Spendenbeträgen sowie diversen praktischen Hilfsprojekten zugunsten in Not geratener Menschen in dieser Krise. Derartig gelebte Solidarität und Subsidiarität konnte man von keiner anderen Branche vernehmen.

Schließlich haben die Clubs ein Konzept erarbeitet, um zumindest ihre Fernsehkunden und Werbepartner wieder zu bedienen und insbesondere ihrem Beruf nachzugehen. Sie wollen Fußball spielen, um wirtschaftlich geschlossen zu überleben - und zwar ohne einen einzigen Cent staatlicher Unterstützung. Dieses Konzept wurde von Medizinern erarbeitet, hinsichtlich des Arbeitsschutzes geprüft und letztlich politisch bewertet. Die dafür notwendigen Corona-Tests zahlen die Clubs selbst. Und durch diese Tests wird die in Deutschland verfügbare Kapazität nicht im entfern-testen eingeschränkt: niemand muß wegen des Fußballs auf eine Testung verzichten: kein Kranken- oder Altenpfleger, kein Lehrer oder Patient - niemand. 50% der Kapazität bleibt ungenutzt.

Bizarre öffentliche Diskussion zum Restart der Bundesliga

Und dennoch gab es vor dem Bundesliga-Restart eine bizarre Diskussion. Was konnte man aber ernstlich dagegen einwenden? Da sprach die grüne Parteivorsitzende den Fußball-Clubs ihr Überlebensrecht ab, solange nicht alle Kitas wieder geöffnet hätten. Ein solcher Sachzusammenhang erschließt sich natürlich nicht. Solch absurde Argumentation hat eher etwas von populistischer Mißgunst, nach dem Motto: solange es mir und meiner Klientel nicht besser geht, mußt Du auch bluten! Dieselbe Frau Baerbock wird ansonsten nicht müde, vor dem Populismus der anderen zu warnen und läßt im übrigen nichts Gutes erwarten, für den politischen Diskurs der nächsten Wochen und Monate.

Die Mißbilligung eines Polit-Virologen, der den Corona-Stillstand unter Laborbedingungen auf Monate und Jahre ausdehnen möchte, ohne zu wissen wie und wer das finanzieren soll, sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt. Es gibt auch kein "Sonderrecht für ein paar Millionäre", wie vereinzelt zu vernehmen: Der Spielbetrieb muß sich der dauernden Kontrolle lokaler Gesundheitsämter stellen. Und auch der filmisch ausgewiesene Fußball-Romantiker durfte stellvertretend prominent gegen die Wiederaufnahme des Spielbetriebs Front machen, weil „durch diesen reinen Kommerz die Seele des Spiels verloren“ ginge. Auf eine starke Stimme des Fußballs, die den eigenen Standpunkt erklärt hätte, mußte man in diesen Tagen leider verzichten - warum eigentlich?

Vernunft als guter Wegbereiter und -begleiter

Vermutlich wünscht sich niemand Profi-Fußball ohne Stadionbesucher und -athmosphäre. Doch wenn man nicht alles haben kann, ist ein Teil erstmal sicher besser als nichts. Zudem sind die Stadionbesucher gegenüber Fernseh- und sonstigen Medienzuschauern schon lange in der Minderheit. Für die meisten Fußball-Konsumenten ändert sich also wenig. Sicher öffnet diese Pandemie-bedingte Krise den Blick auf diskutable (Fehl-) Entwicklungen des Profi-Fußballs und dieser ist gut beraten, all solche Diskussionen anschließend zu führen. Doch zunächst geht es darum, ihn zu retten, um danach etwas zum reformieren zu haben. Es bleibt bis zuletzt ein Tanz auf der Rasierklinge. Doch die Vernunft hat erstmal gesiegt und bleibt hoffentlich ein guter Begleiter.

Für den Artikel ist der Verfasser verantwortlich, dem auch das Urheberrecht obliegt. Redaktionelle Inhalte von European-News-Agency können auf anderen Webseiten zitiert werden, wenn das Zitat maximal 5% des Gesamt-Textes ausmacht, als solches gekennzeichnet ist und die Quelle benannt (verlinkt) wird.
Zurück zur Übersicht
Info.