Dienstag, 24.11.2020 05:14 Uhr

0:6 - Wir sollten Spanien dankbar sein!

Verantwortlicher Autor: Richard J. Flohr Frankfurt/ M., 20.11.2020, 19:44 Uhr
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Frankfurt/ M. [ENA] Rechtzeitig vor der Fußball-Europameisterschaft (EM) im nächsten Sommer ist die Jahrhundert-Niederlage der deutschen Nationalmannschaft ein Weckruf zur längst überfälligen Analyse des jahrelangen Niedergangs und Chance zur Neuausrichtung. Die Narrative des Bundestrainers sind entlarvt. Nun bedarf es Kraft und Willen für einen schonungslosen Restart. Und der Verband braucht zudem dringend fußballerisches Know-how.

Der galoppierende Abstieg des deutschen Nationalteams ist meßbar: dem historisch schlechtesten Abschneiden bei einer WM 2018 folgte der sportliche Abstieg aus der europäischen Nations League Top-Gruppe der besten 12 Länder 2019. Seit über zwei Jahren dümpelt der größte Fußball-Verband der Welt nur noch um Ranglistenplatz 16. Die jüngste 0:6-Niederlage gegen Spanien ist die höchste seit 89 Jahren in der 120-jährigen Länderspielgeschichte des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Fans kehren dem Team zunehmend den Rücken. Gleichzeitig gilt ein deutsches Club-Team als bestes der Welt, und 3 deutsche Trainer wurden gerade zu den besten ihrer Zunft gewählt. — (Belastbare) Ursachenanalyse der DFB-Verantwortlichen? Fehlanzeige! Konsequenzen? Keine!

Versäumte Aufarbeitung der WM-Pleite als Ausgangspunkt

Wo liegen die Ursachen für dieses Versagen? Nach der WM-Pleite 2018 verweigerte Bundestrainer Joachim Löw über Monate eine Aufarbeitung der Geschehnisse. Sein formeller Vorgesetzter, Nationalmannschaftsdirektor Oliver Bierhoff fühlte sich dafür nicht zuständig. Und der tapsige Übergangspräsident Reinhard Grindel hatte schon vor der WM grundlos Löws Vertrag bis 2022 verlängert. Als die vermeintliche Analyse dann im Zuge der ersten Länderspiele der neuen Saison von Löw nachgeschoben wurde, interessierte sie die Öffentlichkeit im Angesicht neuen Tagesgeschäfts kaum mehr. Wie sonst hätte man ihm die Selbstbezichtigung, irrtümlich auf überkommenen Ballbesitzfußball gesetzt zu haben, als Hauptgrund des Debakels durchgehen lassen?

Ausgebootete Weltmeister: Jerome Boateng, Mats Hummels und Thomas Müller (v. li.)

Später schob er dann mit der kategorischen Verbannung der 3 Weltmeister Thomas Müller, Jerome Boateng und Mats Hummels noch einen vermeintlich verpaßten personellen Umbruch als zweiten Versagensgrund nach - das Trio war zu diesem Zeitpunkt zwischen 29 und 30 Jahren alt und mithin im besten Fußballeralter. Mit keinem Wort thematisierte Löw die unsägliche Özil-Affäre, die eine breite Identifikation des Publikums mit seiner Elf (bis heute) verhinderte und steter Unruhefaktor war. Das ungeliebte und wohl unbehagliche WM-Quartier. Seine Unfähigkeit (und die seiner Assistenten), den irrlichternden systemfreien Auftritten seiner Mannschaft weder in, noch zwischen den Spielen Struktur zu geben. Die fragwürdige Kaderauswahl. Alles blieb unerwähnt.

Narrative der Selbstverzwergung

Wie substanzlos Löws Analyse war, ist schnell erkennbar: Mit attraktivem Ballbesitzfußball beherrscht Bayern München bis heute das deutsche Fußballgeschehen, begeistert seine Fans und gilt als zur Zeit bestes Team der Welt. Die Meister und Top-Teams der besten europäischen Ligen folgen nach wie vor ebenso diesem aktiven Spielstil. Und die historische deutsche 0:6-Schlappe vor wenigen Tagen war perfektem spanischen Ballbesitzfußball geschuldet. Stattdessen versucht sich der Bundestrainer nun an Spielstilen und Grundordnungen, die keiner seiner Spieler in den Clubs verinnerlicht. Zudem fehlt ihm offensichtlich das dafür notwendige Spielermaterial. Sein Argument, so „für mehr Stabilität zu sorgen“, wird durch die stete Gegentorflut widerlegt.

Mit dem ausgebooteten Weltmeister-Trio verzichtet Löw ausnahmslos auf Stamm-, z.T sogar Schlüsselspieler ihrer Clubs auf höchstem internationalen Niveau. Stattdessen will er „eine Mannschaft entwickeln“ und „Spielern Spielpraxis geben, die sie im Verein nicht haben“. So zieren Namen derzeit das Adlertrikot, die bei ihren international zweit- oder drittklassigen Clubs nicht einmal im Aufgebot stehen. Dieser Ponyhof-Ansatz spricht dem Leistungsprinzip des Profifußballs Hohn und kommt einer Selbstverzwergung der erfolgreichsten europäischen Fußballnation gleich. Muß man der Nationalmannschaftsführung auf diesem Weg wirklich vertrauen und folgen? Oder ist sie längst im Gestrüpp ihrer Fehleinschätzungen und gegenseitigen Wohlgefallens gefangen?

Neuer Kurs oder neuer Trainerstab!

Die 0:6-Demütigung von Sevilla kam zur rechten Zeit, um noch vor der Europameisterschaft (EM) im kommenden Sommer die beschriebenen Narrative als Märchen zu entlarven und einen neuen Kurs zum Erfolg einzuschlagen. Sollte der Übungsleiter mit seinem Stab jetzt die Kraft und Souveränität zu einer auch schmerzlichen Selbstreflektion und Analyse haben, um diesen Weg grundlegend neu zu bestimmen, hat er die Chance hierzu verdient. Sollten die nächsten Tage und Wochen hingegen, wie nach der letzten WM, wieder nur ein schales Herumlavieren nebst Durchhalteparolen hervorbringen, muß der DFB bis Jahresende die Reißleine ziehen, um absehbaren Schaden vom deutschen Fußball zu wenden. Die Zeit bis zu den nächsten Länderspielen im Frühjahr ist gegeben.

Der DFB-Führung fehlt Fußball-Expertise

Spannend wird die Rolle Bierhoffs in diesem Prozeß sein: zeigt er sich als Antreiber für eine schonungslose Neuausrichtung? Oder sieht er sich nur als Bewahrer der Wohlfühl-Oase um seine alten Mitstreiter Löw und Torwarttrainer Andreas Köpke, mit denen er vor 16 Jahren auszog, den DFB zu erobern? Längst führt die Nationalmannschaftsleitung mutmaßlich ein Eigenleben, in dem die gemeinsame Interessenwahrung im Vordergrund zu stehen scheint. Unbequeme Korrektive wie Matthias Sammer und Hansi Flick sind längst gewichen. Und dem DFB-Präsidium fehlt seit dem Rückzug Franz Beckenbauers 2017 jegliche Fußball-Kompetenz. Selbst wenn Neu-Präsident Fritz Keller gelingt, Herr in dieser Krise zu sein, muß der DFB sein Know-how-Vakuum schleunigst füllen.

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