Geistige Reife der heutigen Schulabgänger
Aachen [ENA] Immer mehr Ausbildungsbetriebe und Hochschulen beklagen sich über die schlechte Qualität der heutigen Schulabgänger. Deutliche Defizite in Bezug auf das schulische Grundwissen, aber auch die fehlenden Sozialkompetenzen sind die auffälligsten Probleme bei der Mehrheit der Bewerber um einen Ausbildungs- oder Studienplatz. Warum ist das so? Woher kommen diese Probleme?
Die Gesellschaft hat sich in den letzten zwanzig Jahren erheblich verändert. Die Zeit ist schnelllebiger geworden. Bei den Erwachsenen machen sich Ängste um den Arbeitsplatz, die Sicherheit der Renten und Gesundheit bemerkbar. Im Job wird alles schneller und „effektiver“. Der Faktor Stress wird immer größer. Selbst die Freizeit wird verplant. Erfolgserlebnisse bleiben dabei sehr oft aus. Durch die modernen Medien sind wir immer hautnah an den Ereignissen, Geschehnissen, den Katastrophen auf der ganzen Welt dabei. Kurz gesagt: Keine sichere Zukunft und die Psyche ist immer auf Alarm geschaltet.
Das überträgt sich auf Beziehung Eltern – Kind. Das Erziehungsverhalten hat sich dadurch gravierend verändert. Heute sehen viele Eltern ihre kleinen Kinder bereits als gleichwertigen Partner. Somit wird auch ein partnerschaftlicher Erziehungsstil angewendet. Dabei geht aber die wichtige Beziehungsebene Eltern – Kind verloren. Um das zu verstehen, müssen wir uns die psychischen Entwicklungsstufen von Kindern und Jugendlichen anschauen:
Ein Säugling schreit, weil er Hunger hat. Und weil er nicht warten kann, muss er sofort befriedigt werden. Ein neun Monate altes Kind kann durchaus zwei oder drei Minuten warten, bis es gefüttert wird. Eine normale Mutter handelt hier intuitiv, sie merkt, wie lange sie ihr Kind warten lassen kann. Damit wird die Frustrationstoleranz trainiert. Alleine diese Toleranz ist im späteren Leben extrem wichtig. Wir gehen ja auch zur Arbeit, obwohl die Sonne scheint. Wird das Kind hier sofort befriedigt, geht es immer davon aus, sofort bedient zu werden und das alles immer nach seiner Nase läuft. Es bestimmt und steuert Andere, nicht nur die Eltern.
Ein dreijähriges Kind erkennt schon ein Gegenüber und muss erlernen, dass ein Mensch oder ein Tier kein Gegenstand wie jeder andere ist. Wenn das Kind auf einen Stuhl schlägt und anschließend einem Elternteil auf den Bauch oder auf den Kopf, dann muss man dem Kind liebevoll die Grenzen aufzeigen. Wird es hier versäumt dem Kind diese Erfahrung zu geben, wird es später sein Gegenüber als Gegenstand sehen und auch so behandeln. In diesem Alter ändert das Kind noch gerne sein Verhalten, weil es das für die Eltern tut.
Ein normales sechsjähriges Kind geht gerne in die Schule – für seine Eltern. Es macht auch gerne die Hausaufgaben, für den Lehrer oder für die Lehrerin. Wenn aber die Lehrerin oder der Lehrer auch hier partnerschaftlich unterrichtet und die Hausaufgaben nicht anschaut und diese Aufgaben bei Fehlern nicht wiederholen lässt, ist das kindliche „Weltbild“ gestört: Ich habe doch die Hausaufgaben für den Lehrer gemacht und den interessieren sie gar nicht! Mit etwa vierzehn Jahren erkennt der Jugendliche, dass andere Mitmenschen und auch die eigenen Eltern Fehler haben und durchaus nicht unfehlbar sind.
Hier legen die Jugendlichen oft den Finger in die Wunde. Erst mit sechzehn Jahren erkennt der Jugendliche eigene Schwächen und Fehler und reflektiert sein eigenes Verhalten. Ab jetzt geht er auch „für sich“ in die Schule. Werden diese psychischen Reifestufen bei Kindern und Jugendlichen nicht durchlebt, bleiben sie auch in diesen Stufen stehen. Aber genau diese Stufen sind wichtig für das Weltbild, die Sozialkompetenz.
Auswertungen von Eignungstests zeigen deutlich: Vor fünf bis zehn Jahren hatten wir einheitliche Stufen. Wenn man in Mathematik ein gymnasiales Niveau hatte, dann hatte man auch ungefähr das Niveau in Deutsch oder Englisch. Heute sehen die Kurven aber ganz anders aus! Hier unterscheiden sich die Auswertungen der Eignungstests einer Person zwischen gymnasiales Niveau in einem Fach bis hin zur geistigen Behinderung in einem anderen Fach.
Zu einer Ausbildungsreife gehören, neben der schulischen Grundausbildung, die psychische Reife und damit auch die Sozialkompetenzen. Um diese Ausbildungsreife zu erreichen, müssen Kindern und Jugendlichen liebevoll Grenzen aufgezeigt werden. Natürlich gehört auch ein „testen“ der Grenzen dazu. Nur so können Kinder und Jugendliche psychisch und sozial reifen und somit auch zur Ausbildungsreife gelangen.




















































