Samstag, 23.09.2017 11:18 Uhr

Das ehemalige Hotel im alten Marktplatz-Bunker BW1

Verantwortlicher Autor: Julia Barthold Stuttgart, 10.04.2017, 10:24 Uhr
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Innenansicht des ehemaligen Speisesaales des ehemaligen Hotels im alten Marktplatz-Bunkers
Innenansicht des ehemaligen Speisesaales des ehemaligen Hotels im alten Marktplatz-Bunkers  Bild: Julia Barthold

Stuttgart [ENA] Nach dem Krieg gab es deutschlandweit zahlreiche Bunkeranlagen, die nun leer standen. Was tun mit all den ungenutzten Liegenschaften? Viele der Anlagen verwahrlosten. In Stuttgarts Zentrum ergab sich die Möglichkeit einer Nutzung als Hotel, das sich großer Beliebtheit erfreute. Wie es dazu kam:

Am 20. September 1940 wurden die ersten britischen Bomben über Berlin abgeworfen. Dies führte dazu, dass Hitler einen Führersoforterlass auf den Weg brachte, der am 10. Oktober 1940 in Kraft trat. Dieser Erlass befahl den sofortigen Bau von unterirdischen, bombensicheren Schutzbauten. Bereits 9 Tage später begannen in Stuttgart die ausführenden Arbeiten, unter anderem auch am BW1, dem großen Bunker unter dem Marktplatz vor dem Rathaus. Dieser Bunker sollte hauptsächlich dem Schutz der umliegenden Geschäftsleute, deren Beleg- und Kundschaft (z.B. des Kaufhauses Breuninger) dienen. Bereits in der Erstplanung wurde eine Nachkriegsnutzung als Parkgarage angedacht.

Die Bunkeranlage soll während eines Angriffs bis zu 3.000 Personen Schutz geboten haben, war dabei aber hoffnungslos überfüllt. Auch am 26. Juli 1944, als um den Marktplatz herum alle Gebäude zerstört wurden, war der Bunker rappelvoll mit Menschen, denen unmittelbar der Erstickungstod drohte, denn der Sauerstoff wurde von den Bränden rings um den Bunker aufgesogen. Die Feuerwehr spritzte den Flüchtenden eine rettende Wassergasse über die Marktstraße in Richtung Schloßplatz, sodass sie in knapper Not entkamen.

Danach war die Wasserversorgung des Bunkers beschädigt und die Mittel zur sofortigen Instandsetzung fehlten. Rund 500 der zahlreichen, kriegsbedingten Obdachlosen diente der Bunker ab Ende 1944 als provisorische Behelfsunterkunft. Nach Ende des Krieges, 1945, richteten die französischen Besatzer eines der offiziellen Bordelle für Besatzungsangehörige im Marktplatzbunker ein. Der Besatzungswechsel erfolgte am 8. Juli 1945. Die Amerikaner schlossen das Bordell.

Eine Nutzung als einfache Unterkunftsmöglichkeit kam ins Gespräch. Bereits im August bewarb sich Familie Zeller als Pächter. Das Hotel der Familie in der Hauptstätter Straße war ausgebombt worden und die Unterkunftsmöglichkeiten waren derzeit in Stuttgart äußerst knapp. Ab dem 1. November 1945 erhielt die Familie einen Pachtvertrag über den Marktplatzbunker und eröffnete bereits am 20. Dezember desselben Jahres den Hotelbetrieb. Bis 22 Uhr musste täglich ein Zimmerkontingent (24 Zimmer) für die Besatzungsmacht freigehalten werden.

Erst nach 22 Uhr durften diese Zimmer auch noch an die wartenden Interessenten vergeben werden. Zahlreiche größerer und kleinere Berühmtheiten logierten in dem beliebten Untergrundhotel, wovon auch heute noch das Gästebuch Zeugnis gibt. 1949 betrug die jährliche Pachtzahlung 9.600 DM, die an die Stadt zu entrichten war. Bis 1965 war auch der italienische Friseursalon des Herrn Andretto im ehemaligen Waschraum untergebracht, direkt gegenüber des Empfangs.

Bis zur Schließung am 31. Oktober 1985 war die Auslastung der günstigen Unterkunft in bester Lage, mit einer durchschnittlichen Belegung von über 80%, ganz hervorragend. Zur Schließung geführt haben der steigende Renovierungsbedarf mit zu erwartenden Kosten um die 2 Millionen DM und Überlegungen der öffentlichen Hand, die Räumlichkeiten ab 1991 erneut zur Bunkeranlage umzurüsten, aufgrund der Drohungen des Kalten Krieges. Dies ist aber nie über erste Umrüstarbeiten hinausgegangen.

Seit 2016 müssen Besucher vor dem Betreten der Anlage eine Verzichtserklärung unterschreiben.

1998 wurde dann schließlich die Glasüberdachung am Zugang abgetragen und die Eingangstreppe mit herausnehmbaren Betonplatten abgedeckt. Das Notstromaggregat wurde 2005 ausgebaut und in einer anderen Bunkeranlage verbaut. Die Räumlichkeiten werden heute teilweise Beschickern des Weihnachtsmarkts zur Verfügung gestellt. Teilweise sind die Innenräume stark mit Schimmel befallen, was einen längeren Aufenthalt dort unten für Atemwegserkrankte wenig gesundheitsförderlich macht. Daher müssen gelegentliche Besucher seit 2016, vor dem Betreten des Bunkers, eine Verzichtserklärung unterzeichnen. Zur Langen Nacht der Museen ist die Bunkeranlage alljährlich zur Besichtigung geöffnet.

Spuren der gelegentlichen Vermietung von Lagerfläche an Weihnachtsmarkt-Beschicker
Stellenweise hat sich über die verwahrloste Phase starker Schimmelbefall ausgebildet.
Jedes Jahr zur Langen Nacht der Museen wird das Angebot, die alte Anlage unter dem Marktplatz zu besichtigen, angenommen

Bis heute ist eine Umnutzung des Bauwerks immer wieder im Gespräch. So gab es schon Pläne zur Nutzung als Tiefgarage, als Haus des Buches oder als unterirdische Einkaufspassage mit Glasaufbauten zur besseren Beleuchtung. Auch als Ausstellungsort für die Bilder des Fotografen Hannes Kilian, der während des Krieges, unter Lebensgefahr, Bilder vom zerstörten Stuttgart gemacht hatte war die Bunkeranlage bereits im Gespräch. Der Juwelier mit Auktionshaus Eppli versuchte 1995 einen Entwurf zur Einkaufspassage umzusetzen, scheiterte damit aber. Anfang 2014 holte Eppli dieses Projekt allerdings erneut aus der Schublade um es wieder zur Diskussion zu stellen. Es bleibt spannend um diese ganz spezielle, geschichtsträchtige Lokalität.

Aktuelle Technische Daten: • Schutzplätze: 2000 • Zivilschutzbindung: Nein • Aktuelle Instandsetzungen: Keine • Baujahr: 1940/41 (Beginn des Erdaushubes am 23.11.1940, Beginn der Betonarbeiten am10.03.1941, Fertigstellung am 15.06.1941) • Grundfläche: 1.966 Quadratmeter • Elektrifiziert: Ja • Generator: Nein • Lüftungstechnik: Nein • Stadtwasser: Ja • Notbrunnen: Nein • Toiletten: Ja • Betten: Nicht eigelagert

Weitere Informationen und Bilder unter

**http://www.schutzbauten-stuttgart.de** oder unter ****http://www.schutzbauten-stuttgart.de/en-us/bauwerke/tiefbunker/bw1marktplatzbunker/geschichteundgeschichten.aspx**** Bitte kopieren Sie dazu den gesamten Link (zwischen den Sternchen) in die Adress-Zeile Ihres Browsers. Die direkte Verlinkung im Artikel geschieht automatisch und ist leider häufig unvollständig. Vielen Dank für Ihr Verständnis.

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