Freitag, 24.11.2017 22:48 Uhr

Literarisches Paradies wider Willen

Verantwortlicher Autor: Edgar Hungs EUPEN (Belgien), 17.07.2017, 15:00 Uhr
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EUPEN (Belgien) [ENA] Auf den ersten Blick wirkt das Fischerstädtchen Sanary-sur-Mer an der Mittel-meerküste im Süden Frankreichs ruhig und gelassen. Provenzalische und süd-ländische Mentalität und Kultur. Im Sommer jedoch wird die kleine Küstenstadt von Touristen bevölkert. ‚Sant Navi de Mar‘ verliert trotz allem nichts von seinem Charme. Palmen, rosa und weiße Häuser säumen die Meeresbucht.

Bunte Fischerboote wirken malerisch und verträumt auf dem dunkelblauen Was-ser, einige davon gehören zum "historischen Nationalerbe" Frankreichs. Der Glo-ckenturm der Kirche St. Nazaire und ihre Fassade im byzantinischem Stil prägen das Stadtbild. Direkt am Hafen der ‚Tour Romane‘ aus dem 14. Jahrhundert. An den kleinen Marktständen vor den Booten gibt es jeden Morgen frischen Fisch. Der Hafen von Sanary ist einer der typischsten und authentischsten Häfen der französischen Mittelmeerküste. Unweit der Anlegeplätze riecht es nach Oliven und Käse, frischem Brot und grober Salami, nach Köstlichkeiten aus der Pro-vence.

Wir schreiben das Jahr 1933. Deutsche und österreichische Schriftsteller und Intellektuelle fanden in der Hafenstadt ihre Zuflucht vor der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Exodus der deutschen Dichter. Heute erinnert ein rund 6 km langer Spazierweg an jene Epoche. 36 Tafeln informieren über das Leben und Wirken der berühmten Flüchtlinge: Die Liste reicht von Thomas Mann, Berthold Brecht, Manfred Flügges, Lion Feuchtwanger, Stefan Zweig, Golo Mann bis Franz Werfel. Sanary-les-Allemands‘ war in jener Zeit der Spitzname des Provinzortes. Thomas Mann nannte seinen Aufenthalt als die ‚glücklichste Etappe‘ im Exil, Feuchtwanger schrieb seinen Roman ‚Die Geschwister Oppermann‘.

Berthold Brecht klimperte auf seiner Gitarre in einer der Hafencafés und sang Spottlieder über das Hitlerregime. Sie trafen sich jeden Tag. Hermann Kesten umschrieb die Kaffeehäuser: „Im Exil wird das Café zu Haus und Heimat, Kirche und Parlament, zur Wiege der Illusionen und zum Friedhof. Es wird zum einzigen kontinuierlichen Ort.“ Flügges Werk ‚Wider Willen im Paradies‘ schildert den Dank der deutschsprachigen Dichter und Schriftsteller an das kleine Hafenstädtchen. Bevor Frankreich als Reaktion auf die Kriegserklärung Hitlers an Polen die Internierung der Exilanten anordnete, konnten einige in die USA flüchten. Die glücklichen Jahre fanden ein jähes Ende. Die Cafés ‚Le Nautique‘ und ‚Marine‘ gibt es heute noch.

Die Altstadt mit ihren kleinen engen Gassen liegt direkt an der Bucht. Es gibt freundliche bunte Handwerkerläden und kleine Plätze mit ihren romanischen Ca-fés ‚à la Française‘, Marmortische, wovon schon Ludwig Marcuse schwärmte. Dort trifft man die Einwohner bei einem Expresso oder ‚café au lait‘. Der Duft von frischen Croissants und frischer Baguette schlängelt sich durch die kleinen, engen Straßen, Wäscheleinen an den Hauswänden. Sie gehören zum Altstadtbild, gleichen wehenden Fahnen in der angenehmen Kühle zwischen den alten und einfachen Steinhäuser.

Auf einer Anhöhe liegt der modernere Teil von Sanary-sur-Mer. Dieser Stadtteil liegt auf einer Anhöhe. Die engen Stiegen hinab zur Altstadt sind mit zahlreichen Blumenarten geschmückt, farben-prächtig und bunt, ein Tummelplatz für die heimischen Bienen. Wie überall an französischen Küsten gibt es auch in Sanary einen Zöllnerpfad – le Sentier des Douaniers. Der enge Pfad durch die steinigen Küstenfelsen eröffnet eine einmalige Sicht auf die Buchten, das Meer und den Küstenort. Es geht auf und ab, Sicherheit bieten ab und zu die Abgrenzungen oder Griffe in Felsen geschlagen. Thomas Mann schrieb im Juli 1933 an A. Frey: „Ich sitze oft bis spät auf der kleinen Veranda vor meinem Arbeitszimmer, rauche meine Zigarre, und sehe die Sterne an."

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