Freitag, 22.08.2014 13:44 Uhr

Was die Christen im Irak wirklich brauchen

Verfasser: Marianne Brückl Erbil/Ankawa, 02.05.2011, 15:46 Uhr
Nachricht/Bericht: +++ Politik +++ Bericht 6983x gelesen
Wir verlassen den Irak nicht!

Erbil/Ankawa [ENA] Mehrere Tausend Christen aus dem Irak in Europa aufzunehmen, ist keine Lösung gegen Terror und Gewalt. Was die Menschen in der irakischen Ninive-Ebene wirklich brauchen, ist die Erhaltung ihrer Lebensräume. Doch zunehmende Landverteilungen der irakischen Regierung an Nicht-Christen in christlichen Regionen, mangelnde Sicherheit und fehlende Jobs führen zu einer Ausrottung der indigenen Chaldäer-Syrer-Assyrer im Land.

Vom 27. März bis 03. April konnten wir uns als Delegation (Medienvertreter, Fotografen, Historiker) des Assyria Council of Europe (ACE) und der Unrepresented Nations and Peoples Organisation (UNPO) während unserer Tour durch die Ninive-Ebene im Nord-Irak selbst von den Zuständen vor Ort überzeugen. Wir erhielten durch Gespräche mit Privatpersonen, kirchlichen und politischen Organisationen Einblick in die tatsächliche Situation der mehrheitlich von Christen besiedelten Regionen. Wie die jüngsten Anschläge vor Kirchen in Bagdad am Ostersonntag aber auch jetzt wieder gezeigt haben, darf der Westen keine Zeit mehr verlieren einzugreifen und eine eigene Provinz der Christen im Irak durch Druck auf die irakische Regierung voranzutreiben.

Empfang beim CSA-Volksrat

Warum schweigen die westlichen Medien? - Viel zu oft schweigen die westlichen Medien zum Thema der ethnischen Säuberung des Irak von Christen. Wer das zu spüren bekommt, ist die betroffene christliche Bevölkerung dort. „Warum bringen die Medien so wenig über das, was hier passiert?“ werden wir oft gefragt. „Warum lassen uns die Christen in Europa im Stich? Warum tut Ihr nichts? Alle anderen Völker genießen den Schutz der Vereinten Nationen, nur wir werden hier allein gelassen!“ Ein Vorwurf, dem wir nur wenig entgegen setzen können, bis auf den Einwand, dass wir hier sind, um über das zu berichten, was wir hier sehen und hören. Dass wir versuchen, das Bewusstsein der europäischen Bevölkerung zu wecken.

Ein Großteil der Menschen in Europa ist nur wenig informiert über die wahren Probleme in dem Land, das einst unter Saddam Hussein litt und seit der Invasion der Amerikaner 2003 gegen Terror und Gewalt zu kämpfen hat. Leidtragende sind seit jeher die Christen, die zwischen Arabern und Kurden zermahlen werden. Haben die Christen bis heute auch noch einzelne Gebiete, in denen sie die Mehrheit bilden, wird jetzt von staatlicher Seite alles getan, das Blatt zu wenden und die Christen zum Verlassen des Irak zu bewegen. Mangelnde Sicherheit für die christliche Bevölkerung, Bombendrohungen und Kidnapping stehen auf der Tagesordnung, und zu all dem soll in diesen Gebieten jetzt zunehmend Land an Nicht-Christen verteilt werden.

Christliche Gebiete sollen demographischem Wandel unterzogen werden - Dagegen wehrt sich Pfarrer Louis Khassab (Foto) aus Baghdeda entschieden. Er zeigt uns einen Brief, den er am 20. März 2011 erhalten hat. „Das ist ein offizieller Brief, der von den lokalen Behörden dazu gedacht ist, einen demographischen Wandel in das Gebiet zu bringen. Das sind die offiziellen Anordnungen (…), Land an die Nicht-Christen hier zu verteilen. Ca. 13.000 Grundstücke sollen an Nicht-Christen hier in dieser Stadt verteilt werden.“ sagt er.

Ohne mehr Druck auf die irakische Regierung werde sich für die Christen nichts ändern. „Und es gibt einige Agendas, den Irak von den christlichen Gemeinden zu leeren.“ fügt der Geistliche hinzu. Er ist bereit, wie der südamerikanische Bischof Romero Demonstrationen abzuhalten, ebenso wie seinerzeit Martin Luther King, der deswegen eingesperrt wurde. „Ich bin ebenfalls bereit zu demonstrieren“, sagt Louis Khassab, der erst ein paar Tage vor unserem Besuch Drohungen erhalten hat. Ein Mut, der ihn das Leben kosten kann. Auch vom Council of Notables in Baghdeda, einer Organisation für die christliche Gemeinschaft, hören wir ähnliche Aussagen, die das Problem der Verteilung von Grundbesitz an die Nicht-Christen deutlich machen.

Mr. Amar mit EO Radio1

„Im Moment gibt es Bestrebungen, die zum Ziel haben, durch die Anmeldungen einen demographischen Wandel in die christlichen Gebiete zu bringen, mit der Unterstützung einiger angestammten Kräfte und einiger politischer Parteien innerhalb des Irakischen Staates.“ sagt Herr Amar, Vize-Präsident des Rates. „Um in der Lage zu sein, die christliche Gemeinschaft im Irak zu schützen, müssen wir zuerst unseren Grundbesitz schützen. Und haben wir das geschafft, können wir das als Sprungbrett benützen, um weitere Erfolge in unserer Sache zu erzielen.“ Eine Aufgabe, die nicht leicht sein dürfte angesichts des zunehmend wachsenden Drucks auf die Christen im Land.

„Dieses Land ist unser Land!“ - Die jungen Studenten, die erst am 2. Mai 2010 einem schweren Autobombenanschlag zum Opfer fielen, als sie nach Mosul zu ihrer Universität fahren wollten, sind ebenfalls fest entschlossen ihrer Heimat treu zu bleiben. Damals trugen viele lebensgefährliche Verletzungen davon, zwei Menschen starben. „Sie war erst 20 Jahre alt“, gibt uns die Schwester von Sandy, die nach zehn Tagen im Koma ihren Verletzungen erlag, bereitwillig Auskunft. Ein anderes Mädchen schildert den Hergang des Angriffs bis zum Zeitpunkt seiner Bewusstlosigkeit.

Viele der Studenten sind bis heute nach ihrer Genesung körperlich entstellt, haben bleibende Narben oder Behinderungen. Die junge Rita, zeigt uns ihre schweren Verletzungen. Andere Studenten befinden sich noch in Behandlung im Ausland. Aber die Jugendlichen lassen sich auch durch Ereignisse wie dieses nicht entmutigen. „Wir sind die Urbevölkerung in diesem Land und gehören hierher!“ sagt ein junges Mädchen aus der Gruppe, das unerkannt bleiben will. Die Frage, ihre Heimat zu verlassen, stellt sich für die Studenten aber erst gar nicht. Sie wollen für ihre Rechte als indigenes Volk kämpfen. Sie möchten ein freies und normales Leben führen, ohne Unterdrückung und Angst und hoffen auf eine Zukunft im eigenen Land.

Arbeitslosigkeit ein grundlegendes Problem - Viele von ihnen wissen noch nicht, was sie nach ihrem Abschluss machen werden, denn es gibt aufgrund der Diskriminierung keine Arbeit für sie. Anhaltende Arbeitslosigkeit und Zurückhaltung von Geldern durch die irakische Zentralregierung tragen ihren Teil dazu bei, eine wirtschaftliche Entwicklung zu verhindern. Die Hoffnung liegt auf dem Westen, durch Investitionen Stellen im Land zu schaffen und einen Wiederaufbau zu ermöglichen.

Jobs d. Entwicklungsprojekte

„Wir brauchen für unsere Absolventen Unterstützung, die aufgrund ihrer Hochschulabschlüsse keine Arbeit finden. Wenn es irgendwelche Projekte in den Bereichen Infrastruktur und Fabriken oder etwas Ähnlichem geben würde, wäre das die Gelegenheit für diese Menschen, Jobs zu bekommen.“ sagt uns Najeeb Marzeena David (Foto) von der al-Rafidain Association for Agiculture in Baghdeda.

Sicherheit darf kein Luxusgut sein - Aber nicht nur die vorherrschende Arbeitslosigkeit, sondern ganz besonders auch die mangelnde Sicherheit sind zentrale Themen im Leben der Christen, die in der Ninive-Ebene leben. Den lokalen Polizeibehörden vertrauen sie schon lange nicht mehr, jetzt haben sie ihre eigenen Sicherheitskräfte zum Schutz der christlichen Bevölkerung. Auch Frauen sind dabei. Aber noch immer sind es viel zu wenige, um für die allgemeine Sicherheit der Christen in den verschiedenen Regionen zu sorgen.

Woran es hauptsächlich fehlt, sind moderne Techniken, beispielsweise zum Aufspüren von Autobomben, entsprechende Ausbildung und die Erfahrung des Westens. Doch dafür fehlt es an Geld. Die Anschläge am Ostersonntag vor zwei Kirchen in Bagdad haben jetzt wieder einmal deutlich gezeigt, dass Sicherheit kein Luxusgut der Christen im Irak sein darf, sondern ein Recht, das auch vom Westen unterstützt werden muss.

Von Terroristen erschossen

Vor der katholischen Herz-Jesu-Kirche in Karrada (Nord-Bagdad) explodierte jetzt an einem der wichtigsten Feiertage der Gläubigen eine Autobombe und nicht weit davon entfernt lieferten sich Islamisten mit der irakischen Polizei Feuergefechte vor der Hl.-Maria-Kirche, während sich die Gemeinde im Gotteshaus aus Furcht zusammendrängte. Zu frisch sind noch die Erinnerungen an das verheerende Attentat vom Oktober 2010 in der Kirche Our-Lady-of-Salvation, bei dem 53 Menschen getötet und mehr als 70 schwer verletzt worden waren. Unter den Toten von damals auch der dreieinhalbjährige Adam und sein Vater (Foto), die von den Terroristen brutal ermordet wurden.

„Wir brauchen Eure Hilfe in unserem eigenen Land!“ - Im Tenor sind sich alle einig, sie wollen eine eigene Provinz, in der Ninive-Ebene wie auch in der kurdischen Autonomieregion, in der es nicht nur Sicherheit und Selbstverwaltung für viele Menschen gibt, sondern auch die Freiheit, den eigenen Lebensstil und die Kultur pflegen zu können. So jedenfalls sehen es Art. 125 der Irakischen Verfassung und Art. 135 des KRG-Gesetzes vor. Doch zur Durchsetzung dieser Rechte sind politische wie auch Entwicklungshilfe von außen dringend notwendig. Und die Bereitschaft der westlichen Regierungen, im Kampf gegen den Terrorismus gemeinsam zu agieren.

Aber noch versuchen die kurdischen wie auch die arabischen politischen Parteien, die Entstehung dieser christlichen Provinzen zu verhindern. Verstärkter Druck der EU-Regierungen auf die Kurden und Araber ist also dringend notwendig, um die Rechte für die Christen, die bisher nur auf dem Papier existieren auch zu realisieren und die Provinzen einzurichten. Um für die Christen im Irak eine dauerhafte Existenz zu schaffen, muss der Westen im Land selbst dazu beitragen, in Zusammenarbeit mit den irakischen Entscheidungsträgern Entwicklungsprojekte zu schaffen und finanzielle Hilfen zu geben, um eine Zukunft der Chaldäischen-Syrischen-Assyrischen Christen im Land sicherzustellen.

Insbesondere ist dabei eine Verpflichtung der Irakischen Zentralregierung von Nöten, im Rahmen des Schutzes von assyrischen Städten, Dörfern und Klöstern die Bezahlung der über 5000 christlichen Polizeikräfte durch den Staat sicherzustellen. Bisher werden deren Gehälter von den Chaldäern-Syrern-Assyrern selbst aufgebracht, die bei der Verteilung von Regierungsgeldern regelmäßig stark benachteiligt werden.

Es ist keine Lösung, Tausende christlicher Flüchtlinge in Deutschland und anderen EU-Staaten aufzunehmen, um sein politisches Gewissen zu beruhigen. Es ist im Gegenteil mehr als notwendig, den Bedürfnissen und nationalen Rechten eines indigenen Volkes in der Schaffung einer Selbstverwaltung in den Ursiedlungsgebieten (Ninive-Ebene) als Teil des föderalen Irak Rechnung zu tragen und nicht nachzugeben in den Bemühungen, den selbstverständlichen, in echten Demokratien geltenden Menschenrechten und Gesetzen auch dort mit allen gebotenen Mitteln zu Anerkennung und Einhaltung zu verhelfen.

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