Montag, 03.08.2020 17:09 Uhr

Unermesslicher Kollateralschaden: Israel steht kopf

Verantwortlicher Autor: Ronaldo Goldberger Jerusalem, 02.08.2020, 13:15 Uhr
Nachricht/Bericht: +++ Politik +++ Bericht 786x gelesen
Schmerzvolle Schritte aus dem derzeitigen Corona-Desaster sind angezeigt
Schmerzvolle Schritte aus dem derzeitigen Corona-Desaster sind angezeigt  Bild: Ronaldo Goldberger

Jerusalem [ENA] Das in Krisenzeiten über sich selbst hinauswachsende Israel trägt schwer an der Voreiligkeit, mit der es den erfolgreichen Lockdown nach Abflauen der ersten Corona-Welle in wirtschaftlichen „Normalbetrieb“ umwandelte. Auf die Bevölkerung prasselt eine Kakophonie widersprüchlicher Direktiven nieder.

Es gibt wenige Völker, die wie die Israelis dermassen flexibel mit Unbilden „hoher Güte“ umzugehen gezwungen sind - sowohl im politischen, militärischen, sozioökonomischen und im Endeffekt sogar existenziellen Umfeld. Das hat das nahöstliche Land gestärkt, es Spannungsfelder überdauern lassen, an denen andere zerschmettert wären. Doch die Kehrseite des ungeduldigen Voranpreschens, des kreativ und aus dem Stegreif heraus Durch-die-Wand-Jagens ist die ziemliche Unfähigkeit, ruhig Blut zu wahren, logische Planvorhaben zu definieren und ihre Umsetzung etappenweise zu bewerkstelligen. Kein Wunder also, dass massive Ungeduld, die Wirtschaft vollumfänglich anzukurbeln, direkt ins aktuelle Desaster von 2000 Infizierungen pro Tag geführt hat.

Zu Tode betrübt

Himmelhoch jauchzend war einmal, der Kater benebelt die Sinne. Zwar streut der Staat nach dem Giesskannenprinzip finanzielle Zuwendungen über alle, die es brauchen oder nicht, wofern sie der Sozialversicherung angeschlossen sind. Sogar selbständig Erwerbende erhalten Brosamen. Doch das Arbeitslosenheer von 850’000 Berufsleuten weiss nicht, worauf es sich abstützen soll. Ganze Branchen sind nicht nur empfindlich, sondern praktisch vollumfänglich abgestürzt. 70’000 Kulturschaffende können nicht mehr die Seele streicheln, Touristiker keine Weltreisenden betreuen, viele zehntausend Immobilienbesitzer ihre Hypotheken nicht mehr abzahlen. Übers Radio hört man herzzerreissende Geschichten hungriger Familien.

Auch wenn es in vielen Branchen schlecht läuft, gibt es immer noch die Dienstleister, welche unverzichtbar sind. So die Sozialarbeiter, die justament dann in einen zweiwöchigen Streik getreten sind, als es ihrer am Ehesten bedurfte. Restaurantbesitzer gingen auf die Strasse, Betreiber von Festsälen betrieben hartnäckiges Lobbying, Fitness-Studios stellten sich auf die Hinterbeine. Je nachdem, wie vernehmlich der Druck aufgesetzt wurde, wie in vollendeter Verzweiflung man sich ausrastend gebärdete, knickte die Regierung ein. Während der 1. Welle führten Premier Netanyahu und das Gesundheitsministerium das Volk an straffen Zügeln. Seit der wirtschaftlichen Öffnung herrscht, wie man in der Schweiz so formidabel zu umschreiben pflegt, Jekami.

Unnötige Massenansteckungen

Als ob der Ernst der Lage nicht erkannt worden wäre, tat man so, als gälten Distanzregeln nur für Dummerchen. 2000 Paare holten ihre verpassten Hochzeitstermine innert kürzester Zeit nach, als man kurzfristig bis zu 250 Personen erlaubte, in geschlossenen Räumlichkeiten Zeremonien abzuhalten. Umarmungen, Tänze, überbordende Gier nach Leben bewirkten dasselbe wie sportlich an Geräten in Studios sich Abstrampelnde: man schenkte sich gegenseitig Viren sonder Zahl, bewirkte ein Hochschnellen von Erkrankungen an Covid-19. Die Vorsitzende der Knesset-Kommission für Corona-Angelegenheiten, Jifat Shasha-Bitton, weigerte sich, einer Regierungsanordnung Folge zu leisten, erlaubte Krafttraining und Schwimmen. Wegen Insubordination wurde sie entlassen.

Als ob das alles nicht genug wäre, leistet man sich in Form mehrerer Demonstrationen pro Woche grunddemokratische Grundrechte, ohne die damit einhergehenden Verpflichtungen auf die Waagschale zu werfen. Anders als beim einfachen Bürger, der die draussen überall aufzusetzende Hygienemaske nicht ohne saftige Busse vergessen darf, balgen sich tausende von Protestlern während Stunden um die Auszeichnung des am engsten zusammenklebenden Pulks. Die Polizei schreitet gegen diese Übertretung nicht ein. Vordergründig setzen sich die Demonstranten für soziale Rechte ein, doch die fast schon stabsmässig organisierten Kundgebungen richten sich primär gegen Ministerpräsidenten Netanyahu, den man vom Sockel stürzen möchte.

Psychologisch höchst ungeschickt verhalten sich die sich gegenseitig blockierenden Regierungskoalitionäre, der konservative Likud und die linksgerichtete Blau-Weiss-Fraktion. Statt die Pandemie geschickt einzudämmen, pinselt man sämtliche zu ergreifenden Massnahmen in politische Tarnfarben ein. Anstatt den unglaublichen Erfolg des erzwungenen Stillstands auszuweiden, erlaubte man sich den Luxus, die Covid-Tracking-App des Inlandgeheimdienstes mit den Komponenten der Terroristenüberwachung sang- und klanglos dem Datenschutz zu opfern. Dies mag in ruhigen Zeiten ein löbliches Unterfangen sein, doch mit dem Einschalten des Obersten Gerichtshofs in besagter Angelegenheit wurde indirekt für Hunderte von Menschen das Todesurteil ausgesprochen.

Während Monaten verpasste es die israelische Regierung, einen Chefkoordinator für die Bewältigung der Pandemie einzusetzen. Angedacht war vom Ex-Verteidigungsminister und zupackenden Unternehmer Naftali Bennett von der oppositionellen Rechtspartei "Jamina", die Schnittstelle für sämtliche Aufgabenbereiche beim Militär anzusiedeln. Dieses verfüge über die bestimmt dichteste Infrastruktur mitsamt aufbietbarem Personal. Bennett forderte überragende Kompetenzen, der sich die Regierung indes verschloss. Ganz abgesehen davon ist Premier Netanyahu nicht bekannt für seine Vorliebe, Leitfiguren an seiner Seite zuzulassen. Zudem hat auch seine Frau Sarah diesbezüglich ein Wörtchen mitzureden. Im Fazit: Ego-Gerangel verhinderte dringende Fortschritte.

Ein Deus ex machina soll’s richten

Schliesslich einigte man sich auf Professor Ronny Gamzu, den 54-jährigen Leiter des Ichilov-Spitals von Tel Aviv, als himmlischen Boten für sämtliche landesweit anstehende Bekämpfungsmassnahmen. Der Koordinator soll zurechtbündeln, was verbockt worden war. Man wünscht sich nun eine klare Linie, eine Aussicht auf nachweisbaren Erfolg. Solange die Israelis jedoch nicht in der Lage sind, die Perspektiven, welche sie eventuell mit einem zweiten Lockdown erdauern und bezahlen müssten, zu erkennen, sind sie störrisch, verzweifelt - und auch unwillig. Die Voraussetzungen für einvernehmliches Ziehen am gleichen Strick, quer durch alle Koalitionsparteien, sind augenblicklich denkbar schwach.

Die teilweise martialische Begleitmusik nicht abreissender Demonstrationen von Schwarzhemden, die mit schwarzen Fahnen ihrem Unmut freien Lauf lassen, dämpfen die Hoffnung auf einen Umschwung. Die koordinierte Kampagne gegen Netanyahu läuft unterm Siegel „Crime Minister“ und wird vom ehemaligen Ministerpräsidenten Ehud Barak, der linksaussen politisiert, zugegebenermassen mitfinanziert. Ein höchst brisantes Gemisch in der Bandbreite von gesellschaftlichem Aufstand bis zu bewusst zugespitzter Konfrontation mit dem politischen Gegner lässt Covid-19 zu einem unflätigen Mitspieler verkommen. Die Furcht geht um, dass vor allem linksorientierte Kräfte mit Gewaltanwendung fehlenden Boden wettmachen möchten. Männiglich warnt vor politischem Mord.

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