Mittwoch, 25.11.2020 18:01 Uhr

Kollektives Bauchgrimmen in Israel

Verantwortlicher Autor: Ronaldo Goldberger Jerusalem, 06.11.2020, 11:17 Uhr
Nachricht/Bericht: +++ Politik +++ Bericht 3569x gelesen

Jerusalem [ENA] So wie die Karten derzeit gemischt sind, ist der Abgang Donald Trumps von der US-Präsidentschaft absehbar. Er galt als grosser Beschützer des jüdischen Staats, dem niemand das Wasser reichen konnte. Hätten die jüdischen Israelis Trump wählen dürfen, würde er mit 83% der Stimmen ins Weisse Haus zurückgehievt. Dagegen halten drei Viertel der amerikanischen Juden zur Demokratischen Partei.

Das Wahlspektakel der Vereinigten Staaten wurde in den Medien dermassen ausgestaltet, dass man der Versuchung hätte erliegen können, der eigene Staatspräsident würde installiert. Es gab sogar Stimmen, die hervorhoben, eigentlich sei Trump Israels Staatspräsident. Im Unterschied zum ehemals rechts zu verortenden israelischen Staatspräsidenten Reuven Rivlin, dessen politische Agenda vom warmherzigen Volksversöhner zum links angehauchten Populisten verrutscht ist, zeigte Trump auf, was Treue zum Alliierten bedeutet.

Grösster Freund der Juden

Ein bekannter Kommentator bezeichnete Trump gar als den seit dem persischen König Kyros II., auch Grosser Kyros genannt, grössten Freund der Juden. Kyros hatte den von den Assyrern ins Babylonierreich verschleppten Juden Nordisraels und Samariens 539 vor unserer Zeitrechnung die Rückkehr in ihre Heimat erlaubt. 47 Jahre zuvor zerstörte König Nebukadnezar Jerusalem mitsamt seinem ersten jüdischen Tempel. Eingedenk solch eines historischen Vermächtnisses entwarfen Rabbiner ein passendes, sich an traditionelle Texte anlehnendes Stossgebet für die Wiederwahl Trumps.

Ein eigenartiges Schauspiel bot sich einem, als ein vormaliger palästinensischer Terrorist, der vor sieben Jahren aus der Haft entlassen wurde und sich seither für den Frieden einsetzt, mit einem jüdischen Politaktivisten in Judäa ein Zeremoniell zugunsten des um die Wiederwahl bangenden Trumps abhielt. Im Studio des „Volkssenders“ 20, dem einzigen rechtsorientierten TV-Kanal Israels, spielten Moderatoren Gitarre und sangen sich frei, um so eine magische Fortsetzung von Trumps Unterstützungslegende zu sichern. Dem Gesang folgte allerdings ein Abgesang schmerzender Güte.

Auch das arabische Lager bangt

Israel bangt um die Wette mit seinen neuen Verbündeten im arabischen Lager, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Bahrein sowie Sudan, dass es Trump trotzdem noch über die unsichtbare Schwelle zum Sieg reichen möge. Er war der eigentliche Geburtshelfer der Front gegen die nuklearen Vernichtungsphantasien Israels seitens des Mullah-Regimes von Teheran. Trump hatte die Rechtmässigkeit der 1967 Syrien im Gefolge des Sechstagekriegs entrissenen, 1981 annektierten Golan-Höhen anerkannt, mittels seines Jahrhundertplans einen „Deal“ ausgehandelt, der es Israel in Erwartung palästinensischer Widerborstigkeit ermöglichen könnte, sämtliche jüdischen Städte und Dörfer in Judäa und Samaria formalrechtlich ins israelische Staatsgebiet zu inkorporieren.

Trump war es zu verdanken, dass die USA vom missbrauchten Nuklearabkommen mit Teheran abgerückt sind, Gelder an die UNRWA einfroren, die jahrzehntelang das palästinensische „Flüchtlingsproblem“ bis zur Unkenntlichkeit bewirtschaftete. Nicht zu vergessen: die PLO-Botschaft in Washington wurde geschlossen, Israels qualitativer militärischer Vorsprung durch die Lieferung neuester Technologie gedeckt. Die Patenschaft mit dem sunnitisch-arabischen Lager sollte fundamental gestärkt werden, um so den auf den palästinensisch-israelischen Konflikt reduzierten Blickwinkel auszuweiten auf den bislang von der Arabischen Liga mittels Terror und Boykott verwehrten Einbezug des jüdischen Staates ins nahöstlichen Gebilde.

Erodiert die Allianz?

Wie soll es nun weitergehen, falls Trump die nächsten vier Jahre nicht mehr im Weissen Haus verbringen sollte? Israels eindeutige Parteinahme für die Republikaner, in deren Schoss auch Millionen von Evangelikalen ein nicht zu verachtendes Unterstützungselement darstellen, könnte sich als Bumerang erweisen. Zwar hat man die früher freundschaftlichen Bande zur Demokratischen Partei nicht ganz gekappt, und dem gewieften Premier Netanyahu, der schon mit dem stark israelischen Interessen zuwiderlaufenden Ex-Präsidenten Obama während acht Jahren unter Zuhilfenahme des Kongresses unzählige Gefechte ausgefochten hatte, würde wiederum zur Hochform auflaufen, wenn er die unerschütterlichen, parteiübergreifenden Allianzmuster beschwören müsste.

Die Demokratische Partei von ehedem hatte sich in ihrer schriftlichen Plattform noch eindeutig zu Israel bekannt, wohingegen sie heute in ihrem stark links-progressiven Flügel sogar antisemitisch motivierten Abgeordneten unerklärlichen Freiraum zum Israel-„Bashing“ bietet. Israel baut darauf, dass dank eines weiterhin von den Republikanern beherrschten Senats keine totale Erosion der bisherigen Allianz zu befürchten sei. Hingegen befürchtet man, dass Biden, der sich schon mal in seiner 47-jährigen Senatskarriere auch als Zionisten bezeichnete, seinen Förderern des vom sozialistischen Geist durchwaberten Parteiflügels sehr wohl Konzessionen werde entgegenbringen müssen.

Im Klartext hätte dies zur Folge, dass der erfolgreich unterm Deckel gehaltene „Palästinakonflikt“, der künstlich eine Aussöhnung Arabiens mit Israel hintertrieb, wieder zum Kochen gebracht sowie ein Botschafter der Palästinensischen Autonomie erneut nach Washington berufen würde. In einer Kettenreaktion könnte dies bewirken, dass die UNO-Gremien sich wieder vermehrt mit antiisraelischen Resolutionen hervortun würden. Damit wäre Israels erfolgreiche und pragmatische Einbettung in einer von der Realpolitik befruchteten neuen Weltordnung akut gefährdet.

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