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Erodiert der jüdische Charakter Israels?

Verantwortlicher Autor: Ronaldo Goldberger Jerusalem, 27.08.2020, 16:51 Uhr
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Gewisse Kategorien von Jüdischstämmigen dürfen unter Umständen nicht mehr im Gelobten Land Wohnsitz nehmen
Gewisse Kategorien von Jüdischstämmigen dürfen unter Umständen nicht mehr im Gelobten Land Wohnsitz nehmen  Bild: Ronaldo Goldberger

Jerusalem [ENA] Bislang dürfen Juden aus aller Welt bzw. von Juden bis in die 3. Generation Abstammende ein Recht auf Einwanderung nach Israel geltend machen. Diese 1950 gesetzlich verankerte Zusicherung wird indes bald zu einem Auslaufmodell. Künftig braucht es wohl mehr als bloss einen jüdischen Grosselternteil.

Nach Jahrzehnten stiller Duldung scheint nun der Geduldsfaden gerissen: 86% von 180'000 Einwanderern nach Israel zwischen 2012-19 sind gar keine Juden. Von den restlichen 14% als jüdischstämmig Anerkannten ist bloss einer von 25 Menschen entsprechend des Halacha-Religionskodexes ein Jude. Voraussetzung ist, dass die Mutter religionsgesetzlich Jüdin ist oder in einem langwierigen Verfahren, Gijur geheissen, nach orthodoxem Ritus in die jüdische Volksgemeinschaft aufgenommen worden ist. Das klingt auf den ersten Blick sehr harsch, war aber über Jahrtausende hinweg eine Überlebensgarantie der in der Diaspora dauernd verfolgten und in ihrer Identität bedrängten Juden. Ohne den Zusammenhalt hätte sich das Exilvolk wohl aufgelöst.

Die Krux mit den Enkeln

Als 1950 das israelische Parlament, die Knesseth, das Rückkehrgesetz erlassen hatte, wollte man dem im Holocaust um 6 Millionen Menschen dezimierten jüdischen Volk die Möglichkeit geben, einen Anlaufhafen, aus dem es nicht vertrieben würde, zu bieten. Diese Überlebensgarantie als bittere Lehre aus der unsäglichen Naziherrschaft sollte bewirken, dass zukünftig ein gesetzlich beanspruchbarer Flucht- und Heimatort für Verfolgte oder aus Affinität zur biblischen Verheissung aus eigenem Ermessen auswanderungswillige Juden zur Verfügung stünde. Aus praktischen Erwägungen bezog man in einer revidierten Fassung ab 1970 auch verehelichte Lebenspartner anderer Religionen und sogar die Enkelkinder mitsamt ihrer Partner in dieses Recht ein.

Aus der ehemaligen Sowjetunion ergoss sich seit den 1970-er Jahren ein wachsender Strom von Auswanderern nach Israel, der gut und gerne eine Million Menschen umfasste. Fatalerweise galten unterm kommunistischen Regime auch sogenannte "Vaterjuden", das heisst gemäss jüdischem Religionsgesetz gar nicht als Juden Geltende als im Personalausweis als "Jewre'i", somit Hebräer, Eingetragene. Der allüberall grassierende Antisemitismus traf also auch diesen Personenkreis mit unverminderter Härte, was dazu führte, dass er in Israel auf teilweise unliebsame Weise seelisch getroffen wurde. Da Staat und Religion in Israel nicht getrennt sind, dürfen diese vom Status Betroffenen nicht vor dem Rabbinat heiraten. Zivile Hochzeiten feiert man im Ausland.

Beibehaltung des jüdischen Charakters von Israel

Ungeachtet dessen sind nichtjüdische Israelis Staatsbürger mit allen Rechten und Pflichten: sie zahlen Steuern, dienen in der Armee, verfügen über das aktive und passive Wahlrecht etc. Demographisch steht Israel nicht nur vis-à-vis der arabischen Minderheit, die über einen Fünftel der Bevölkerung ausmacht, im Clinch, sondern auch auf dem innerjüdischen Parkett. Wohnbauminister Jakob Litzmann formulierte hierzu unverblümt: „Wenn wir von 60-70% nichtjüdischen Einwanderern ausgehen, dann wird sich Israel innert kurzer Zeit in einen nichtjüdischen Staat verwandeln. Das einzige, was nun zu unternehmen ist, ist eine Abänderung des Rückkehrgesetzes.“ Auch Innenminister Arjeh Der'i hält dafür, besagtes Gesetz entsprechend zu revidieren.

Angesichts dessen sowie infolge nunmehr klar festgehaltener Sachlage, wonach 400'000 nichtjüdische Israelis eingewandert sind, von denen lediglich 30'000 zum Judentum übergetreten seien, schliesst man, dass man gesetzlich nicht bloss einen Riegel vorschieben möchte, sondern den Staat auch vor Arbeitsmigranten abschotten will. Unverblümt hält Mosche Gafni, Vorsitzender der Knesset-Finanzkommission, fest: „Heute gibt es Dutzende Millionen von Menschen aus Ländern mit Arbeitslosigkeit, Hunger und Armut, die sich freuen würden, nach Israel einzuwandern." In diese Bresche sprang nun der umtriebige oppositionelle Parlamentarier Bezalel Smotrytsch mittelst einer Vorlage, die den "Enkelanspruch" auf Staatsbürgerschaft kippen möchte.

Jüdischer Staat oder Staat aller Bürger?

Die entbrannte Diskussionsgrundlage in Israel muss man, grob gezeichnet, vor dem Hintergrund zweier sich bekämpfender Bevölkerungsteile sehen: hier die sich progressiv Wähnenden, für die der jüdische Charakter Israels ein Widerspruch zum internationalen Völkerrecht darstellt, dort die eben diesen Aspekt vehement befürwortenden Traditionalisten. Für sie wäre ein Israel ohne seine jüdische Urbestimmung ein dermassen eklatanter Widerspruch, dass er das göttliche Anrecht aufs verheissene biblische Land grundsätzlich verlöre. Der Trend schlägt eher in Richtung des Bewahrenden aus, wobei ursprünglich aus Europa stammende säkulare Aschkenasen und orientale Sefarden arabischer Provenienz sich tendenzmässig fast schon unversöhnlich gegenüberstehen.

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