Samstag, 04.02.2023 16:42 Uhr

attac-Kongress: "Nein zum Krieg und Ja zu sich selber"

Verantwortlicher Autor: Sergej Perelman Karlsruhe, 18.01.2023, 21:59 Uhr
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Bühne mit Rednerpult und Leinwand im Hintergrund beim 15. attac-Kongress in Karlsruhe, 14.01.2023

Karlsruhe [ENA] 'Friedenserklärung - Beiträge zu einer friedlichen Welt' - das Motto des 15. attac-Kongresses am 14. Januar 2023 in Karlsruhe. Georg Rammer kritisierte die manipulative Berichterstattung der Leitmedien, Prof. Christoph Butterwegge forderte die Überwindung der erschreckenden sozialen Ungleichheit. Eugen Drewermann forderte für alle Zeiten ein kategorisches Nein zum Krieg, der eine Unmenschlichkeit sei.

Um die 400 Besucher folgten der Einladung von attac-Karlsruhe zu ihrem 15. Kongress. Mitorganisator, Psychologe und Publizist Georg Rammer fokussierte sich in seiner Rede schwerpunktmäßig auf Meinungsbeeinflussung und Manipulation, was er anhand von Beispielen aus der Gegenwart veranschaulichte. Politikwissenschaftler Prof. Dr. Christoph Butterwegge wies "die sozioökonomische Ungleichheit als das Kardinalproblem" unserer Zeit aus und froderte ihre Überwindung. Der Theologe Dr. Eugen Drewermann stellte fest, dass die universelle Soldatenformel "Befehl ist Befehl" "das Dokument für die unverantwortlichen Verbrechen" eines jeden Soldaten sei, der Krieg stets der Verlust unserer Menschlichkeit und forderte ein endgültiges Nein zum Krieg.

Auszüge aus der Rede von Georg Rammer

Rammer betrachtete seinen Redebeitrag als "Plädoyer für kritischen Journalismus und kritisches Zeitunglesen". Die Zeitenwende bedeute "Militarisierung, ... Kriegslogik, Freund-Feind-Denken, Führungsrolle Deutschlands im militärischen und wirtschaftlichen Bereich in Europa", was von 2/3 der Bevölkerung abgelehnt werde. Als Folge der Zeitenwende prognostiziert der Publizist eine wachsende soziale Kluft, und Klimakatastrophen. Rammer verweist auf die 'Bundesakademie für Sicherheitspolitik', ein Think Tank der Bundesregierung, die von der "Wehrhaftigkeit der Zivilbevölkerung und einem neuen Soldatenbild" spricht. "Zu diesem Bild gehört Bereitschaft zum Kampf. Bei den Soldaten ist es: kämpfen, töten, sterben", was für Rammer drastisch klinge.

"Die Münchner Sicherheitskonferenz hat mit sogenannten Botschaftern eine Kampagne gestartet, um diesen Mentalitätswandel in der Bevölkerung stärker verankern zu können; auch bei Schülerinnen und Schülern und auch in Zeitungsredaktionen", analysiert der Psychologe. Es gehe um "kognitive warfare" seitens der NATO, "also kognitive Kriegsführung" - "den Krieg um die Köpfe", zu dem es vom Regensburger Wissenschaftler Dr. Jonas Tögel Veröffentlichungen gebe. Rammer zitierte Tögel: "Der Gedankenkrieg der NATO ist eine extreme Weiterentwicklung des Informationskrieges und damit die fortschrittlichste Form der Manipulation. 'cognitive warfare' benutzt neueste Techniken der 'soft power' und Manipulation zur Bevölkerungskontrolle".

Die selbst gestellte Frage, ob wir in Verhältnissen wie oben skizziert leben wollen, beantwortete Rammer, dass es unterschiedliche Meinungen gebe. "Laut Umfragen sind bis zu 90% der Bevölkerung für eine besser Daseinsvorsorge, 92% appellieren für ein Atomwaffenverbot (vor einem Jahr)", meint Rammer. Die soziale Unzufriedenheit wachse und das Vertrauen gehe verloren: "Nur 32% der Befragten äußern Vertrauen in die Bundesregierung und nur noch 17% vertrauen den Parteien. Eine große Mehrheit der Bevölkerung ist zwar für Demokratie als Staats- und Gesellschaftsform, aber bis zu 70% äußern Unzufriedenheit mit dem Funktionieren der Demokratie". Rammer konstatiert eine "Kluft zwischen den Menschen und der Represäntanz durch Politik und Parteien".

Georg Rammer fragt, ob die Medien ihrer Aufgabe als 4. Gewalt gerecht werden. Es gebe eine enge Liason zwischen Leitmedien und wirtschaftlicher und politischer Macht. Dabei zog Rammer sowohl Beispiele aus Italien (Berlusconi: Medienmogul und Politiker), USA (Rupert Murdoch: Medienunternehmer, habe bspw. "massiv Wahlen beeinflusst"), Frankreich ("Oligarchen waren mächtig daran beteiligt, Macron die Präsidentschaft zu ermöglichen") und Deutschland. Hierzulande wurden z.B. der Presse-Agentur 'dpa' schon vor Jahren "Regierungsnähe, Färbung der Berichte" vorgeworfen. Neben vorgegebener transatlantischer Orientierung in Redaktionen kritisierte Rammer auch die Rolle der 'Bertelsmann Stiftung' bei der Erzeugung einer Akzeptanz für die Harz-Gesetze.

Der Autor bemängelt bei der Berichterstattung der Leitmedien: "Es wird nicht die Normalität als Skandal beschrieben". Mit Skandal meint Rammer "die gigantische Macht der Finanz- und Digitalkonzerne, ... Black Rock, Zerstörung der Daseinsvorsorge, Neokolonialismus der EU in afrikanischen Staaten". Außerdem kritisiert er scharf die neue Sprachregelung des EU-Außenminister-Rates, wo man in Sorge sei wegen des Widerstandes in der Bevölkerung gegen einen langen Krieg (77% für Verhandlungen). Dort heißt es: "Die Regierungen werden eine neue Sprache finden müssen, um die Kluft zwischen auseinanderstrebenden Lagern zu überbrücken. Der Schlüssel wird darin liegen, Waffenlieferungen und Sanktionen als Teil eines Verteidigungskrieges darzustellen".

Auszüge aus Rede von Prof. Dr. Christoph Butterwegge

In einer seiner drei Vorbemerkungen, meinte Butterwegge, er verstehe Putin nicht, aber er sei andererseits wiederum der Meinung, Olaf Scholz habe "in Zeitenwende-Rede vom 27. Februar 2022 10 mal von Putins Krieg gesprochen. Das finde ich eine Personalisierung, eine Psychologisierung, zum Teil eine Pathologisierung - dieser durchgeknallte Diktator usw. Dass Putin als Präsident der Russischen Föderation der politisch Hauptverantwortliche ist, leugne ich nicht, aber was ich leugne ist, dass Kriege so einfach zu erklären sind". So wie 1945 mit der Formulierung 'Hitlers Krieg' man die Mitverantwortung "sehr schön von sich wegbringen" konnte, passiere heute genau dasselbe auch mit der Formulierung 'Putins Krieg'.

"Ich finde, man muss doch, wenn man ein politisch denkender Mensch ist, für den habe ich Olaf Scholz immer gehalten, die sozioökonomischen Verhältisse, die internationalen Mächteverhältnisse, die Situation einer Elite in Russland, die mitinvolviert ist in diesen Krieg, zur Kenntnis nehmen", setzte der Politikwissen-schaftler fort und ergänzte vorwurfsvoll: "'Putins Krieg', 10 mal in einer Rede zu benutzen und die Analyse der Ursachen dieses Krieges darauf zu reduzieren - das ist weniger als Bild-Zeitungs-Niveau". Nebenbei bezeichnete der Professor Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP) als Rüstungslobbyistin, denn sie sei Bundestagsabgeordnete im Wahlkreis Düsseldorf, "wo Rheinmetall der größte Rüstungskonzern ist".

Erwerbsarmut, Altersarmut, ja Armut insgesamt sei aus Butterwegges Sicht nicht das wirkliche Problem, "sondern Armut ist Teil eines größeren Problems, nämlich der sozioökonomischen Ungleichheit", welche vll. sogar das Kardinalproblem der Menschheit überhaupt darstelle. "Warum? Aus dieser sozioökonomischen Ungleichheit erwachsen ökonomische Krisen, ökologische Katastrophen, Kriege und Bürgerkriege." Er bemerkte nebenbei pointiert, dass in Baden-Württemberg Oligarchen mit dem Kosenamen 'Familienunternehmer' bezeichnet werden würden. Mit Oligarchen meine er nicht "den Besitzer der Kfz-Werkstatt an der Straßenecke, sondern ich meine die Eigentümer von riesigen Konzernen".

Diese Eigentümer haben politisch bei der Reform der Erbschaftssteuer für Firmenerben dafür gesorgt, "dass man immer noch einen ganzen Konzern erben kann, ohne einen einzigen Cent betriebliche Erbschaftssteuer zu zahlen". "Diese Eigentümer von riesigen Konzernen, über Generationen vererbt, bestimmen natürlich auch die Politik hier mit. Wenn Sie anrufen im Kanzleramt, bekommen Sie keinen Termin. Wenn Stefan Quandt oder Susanne Klatten da anrufen oder Dieter Schwarz, der reichste Mann der Bundesrepublik, Eigentümer von Lidl und Kaufland, Privatvermögen 41,8 Mrd. €, dann glauben Sie, dass der ganz schnell da einen Termin bekommt. So wie auch Herr Ackermann von der Deutschen Bank sogar seinen Geburtstag hat austragen lassen im Kanzleramt."

Daraus folgerte der Prof., "dass die Ungleichheit das eigentliche Problem ist". Derartige Erkenntnisse führten Butterwegge zur Erforschung des Reichtums. Denn wer über den Reichtum schweige, darüber nicht reden wolle, der sollte auch über die Armut schweigen. "Wer den Reichtum nicht antasten will, der kann auch die Armut nicht wirksam bekämpfen", zog der Prof. als Lehre für sich. Anschließend warf er die Frage auf: "Was ist überhaupt unter Reichtum zu verstehen?" Die Bundesregierung mache sich das ganz einfach, wenn sie im Armutsbericht definiere, was reich ist, indem sie sagt: "Einkommensreich ist derjenige, der mehr als das Doppelte als des mittleren Einkommens zur Verfügung hat". Das seien 3978€ pro Monat.

"Der soll 'einkommensreich' sein", setzt Butterwegge fort, "wer mehr als dieses Netto-Einkommen hat. Da würde sich der Dieter Schwarz aber totlachen, wenn er hörte, dass die Bundesregierung einen Studienrat wegen seines Netto-Gehalts von 4000€ für reich erklärt. Vermögensreich ist nach dem 6. Armuts- und Reichtumsbericht, in dem Black Rock, in dem Konzerne, in dem Dieter Schwarz, die wirklich Reichen gar nicht vorkommen". Da werde die Armut verharmlost nach dem Motto: "Armut gibt's in Kalkutta, wenn die Menschen an der Straßenecke verelenden, aber nicht in Köln, wo die Armen im Hochhaus am Stadtrand im Hartz-IV-Bezirk ja eher auf hohem Niveau jammern".

Der Reichtum werde verschleiert, "wenn man den Studienrat und jemand, der mehr als 500.000€ Netto-Vermögen besitzt, für vermögensreich erklärt. D.h. jemand, wer eine kleine Eigentumswohnung besitzt, der soll reich sein? Der ist vielleicht wohlhabend, manchmal sogar noch nicht mal das. Vll. hat er sein Leben lang abbezahlt, um sich dann im Alter im Sinn der privaten Altersvorsorge ein Auskommen zu sichern neben einer vll. sehr kleinen Rente... Für mich ist jemand reich, der ein so hohes Vermögen hat, dass er von den Erträgen dieses Vermögens bis ans Lebensende auf einem hohen Lebenshaltungsniveau, ohne materielle Sorgen existieren kann. Er muss das Vermögen nicht antasten."

"Wer so reich ist, der ist auch politisch einflussreich; im Sinne von Oligarchen, die die Politik eines Landes ganz maßgebend beeinflussen... Arme müssen sie natürlich messen an ihrem Einkommen, die haben nämlich kein Vermögen, Reiche müssen sie immer messen am Vermögen. Das ist das Entscheidende. Die Einkommensquelle, ..., kann versiegen. Ein Vermögen - das verschwindet so schnell nicht", analysiert der Prof. Man müsse den Reichtum begrenzen, wollte man die Armut bekämpfen. "Das Gegenteil findet statt."

"Das Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung hat festgestellt, dass die reichsten 10% der Bevölkerung in Deutschland 67,3% des Netto-Gesamtvermögens besitzen. Das reichste Prozent besitzt 35% des Netto-Gesamtvermögens. Das reichste Promille besitzt 20,4% des Netto-Gesamtvermögens. ... Die reichsten 45 Familien in Deutschland besitzen mehr als 40 Mio. Menschen [vor der Pandemie]." Deshalb fordert Butterwegge die Neuregulierung des Arbeitsmarktes: Mindestlohn erhöhen, Leiharbeit verbieten, Mini-Jobs versichern und Um- und Ausbau des Sozialstaats zu einer solidarischen Bürgerversicherung, in die alle einzahlen: Selbstständige, Abgeordnete, Beamte und Minister. "Es müsste dafür gesorgt werden, dass alle Einkünfte verbeitragt werden."

Auszüge aus der Rede von Eugen Drewermann

Zu Beginn bringt Eugen Drewermann die schwerwiegenden politischen Gründe vor, welche gegen das 100-Mrd.-€-Sondervermögen für Rüstung und Militär sprechen. Das Geld werde in der Pflege, in den Krankenhäusern, in den Schulen, in den Kindergärten und im Sozialen fehlen. "Es ist nich mal zur Verfügung bei den Opfern der Kriege, die wir selber führen!...Die UNO bettelt herum, dass etwa 20 Mio. Flüchtlinge 2 Mrd. $ brauchen würden, um ihr Überleben zu retten. Die haben wir nicht in all den Tagen! Lieber sollen sie ertrinken im Mittelmeer, lieber sollen sie hocken auf Lesbos Jahr für Jahr oder sonst wo. Sie gehen uns nichts an", analysiert Drewermann kritisiert die Frontex und die konzentrationslagerähnliche Unterbringung in Libyen.

Dieses Vorgehen habe "mit Menschenrechten nichts zu tun", "nicht einmal mit Geldnot, denn wir haben offensichtlich zu verpulvern unglaubliche Summen fürs Militär jede Art von Geld zur Verfügung!" Der 82-Jährige ergänzt: "Und wir können Herrn Scholz, Frau Baerbock und all den anderen uns Regierenden, ob Rot oder Grün oder Gelb nur sagen: 'Es gibt Wichtigeres auf dieser Erde zugunsten von Menschen zu tun, als Waffen herzustellen, mit denen man Menschen tötet!'" Frau Baerbock habe Unrecht, wenn Sie sagt, wir müssen Waffen liefern, um Menschenleben zu retten. "Nein, Frau Baerbock, die Waffen töten Menschen! Menschen werden trainiert und ausgebildet, damit sie mit diesen Waffen töten!", widerspricht Drewermann scharf.

"Der Leopardpanzer soll jetzt geliefert werden, weil er der beste Panzer weltweit ist. Noch besser als die Abrams der Amerikaner. Die können noch besser morden und schießen. Herr Zielinski kann beim Besuch in Washington erklären, dass schon 95.000 Russen getötet worden sind. Die Zahl der ukrainischen Bevölkerung wird dabei natürlich nicht angegeben. So rettet man nicht Menschen, so mordet man auf Jahre hin. Weiter, weiter, weiter. Menschen. Vor Augen stellen können wir uns dann die Bilder vom 3. April im Zweiten Deutschen Fernsehen um Viertel vor Zehn in den Nachrichten. Butscha war da das Thema."

"Man sah eine Frau, völlig aufgelöst in Tränen und in Zorn. Vor ihr unter dem Teppich ihr eigener getöteter Sohn. 500 Meter weiter war seine Arbeitsstelle. Und der war erschossen worden. Die sollen alle da hin, wo er jetzt schon ist! Schrie sie in die Kamera. Und diese Aussage war mit das Propaganda Moment das wir jetzt in der Ukraine gegen die Russen, gegen Putin Krieg führen müssen. Jeder könnte begreifen, dass hier das Leid einer Frau missbraucht wird, das Gegenteil von Mitleid und Menschlichkeit in die Welt zu tragen. Was die Frau braucht, wäre unbedingt so etwas wie eine gütige Begleitung, die durcharbeitet, dass sie mit ihrem Sohn womöglich alles verloren hat, der 27 Jahre alt war. Wie viele Hoffnungen sind da zerbrochen worden?"

"Aber was man nicht braucht, ist, dass der Schrei des Leids dazu benützt wird, nicht mit dem Morden aufzuhören, sondern ganz im Gegenteil überhaupt erst richtig einzusteigen. Mit den Worten von Herrn Stoltenberg: 'Ein langer Krieg wird das werden'. Und das kann man haben. Ein Stellvertreterkrieg, bei dem am Ende beliebig viele Tausende, Hunderttausende von Menschen getötet werden, vor allem Russen. Mit den Worten von Frau Baerbock: 'Wir müssen Russland ruinieren'. Wie soll bei dieser Einstellung je Frieden sein?"

"Was mich aber entsetzt, ist die Gleichförmigkeit dieser Zeitenwende. Sie ist in Wirklichkeit ein Salto mortale rückwärts 70 Jahre in meiner eigenen Erinnerung. Damals, 1955, beim Aufbau der Bundeswehr. In der Bundesrepublik West. Konnte vor allem die Katholische Kirche Jesuiten in den Bundestag schicken, um Adenauer dabei behilflich zu sein, das Gesetz durchzubringen entsprechend den Worten von Papst Pius XII, dass kein Katholik das Recht habe, den Wehrdienst zu verweigern und sich dabei auf das Gewissen zu berufen. Das war so ungeheuerlich, dass ich mit 15 Jahren zum ersten Mal begriffen habe - ich will die Kirche, die so lehrt nicht. Und den Staat, der sie dahin bringt, in Staatstreue so zu reden, noch viel weniger."

"Ich werde niemals einen Staat akzeptieren, der 15-Jährigen 18-Jährigen beibringt, wie sie effizient töten können und dabei einen vaterländischen Auftrag vollziehen. Ich bin dagegen, dass wir heute wieder soweit sind, dass man 18-jährigen und 16-jährigen Mädchen in den Schulen Bundeswehroffiziere zumutet, die ihnen erklären, dass eine verantwortliche Außenpolitik militarisiert werden muss mit allem, was dafür zur Verfügung steht."

"Deshalb möchte ich heute Nachmittag zu Ihnen nicht alleine gegen die derzeitige Politik im Umgang mit Russland in Bezug zur Ukraine sprechen, sondern sie davon überzeugen, dass wir nur Menschen bleiben können, wenn wir den Krieg als Institution, als Möglichkeit, als Trainingsprogramm, als Bereitschaft der Bevölkerung von grundauf ablehnen! Ohne Wenn und Aber! So spreche ich aus humanitären Gründen, nicht zuletzt aber aus christlichen Gründen. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Botschaft Jesu genau darin besteht, einen Frieden zu bringen, wie die Welt, wie wir sie haben, nicht bringen kann."

"14. Kapitel bei Johannes steht das. Und dass er in den Tod gegangen ist, weil er sich weigerte, das revolutionäre Programm der Banden-Kämpfer in den Bergen Galiläas zu verwirklichen: 'Man muss die Römer, die Besatzungsmacht vom heiligen Boden Gottes verjagen. Sie machen das Heilige Land unrein, schon weil sie Heiden sind. Man darf ihnen nicht einmal die Hand geben. Diese muss man mit Gewalt verjagen im Namen Gottes'. Dem hat Jesus sich verweigert. So wie Sie es kennen, in der Bibel: 'Lieber den Barabbas'. Und den wählen wir bis heute. Gerade. In unsern Tagen. Gegen Putin - mit Gewalt."

"Das ist die ganze Botschaft des Neuen Testaments. Sie können es lesen bei Matthäus im fünften Kapitel, Vers 39, um genau zu sein: 'Leistet dem Bösen keinen Widerstand', sondern wer dich auf die eine Wange schlägt, dem halte noch die andere hin. Ich hör' sofort sagen: 'Mit der Bergpredigt kann man keine Politik machen. Das mit der anderen Wange schaff ich sowieso nicht.' Was denn wollen wir?"

"Putin, wird erklärt, ist wie Htlr... Htlr ist nicht entstanden 1938, sondern 1918. 15 Millionen Tote an allen Fronten Europas. Erich Maria Remarque kann dazu sagen: 'Giftgas, Panzerketten, Trommelfeuer, Bajonette, Handgranaten, Typhus, Lazarett. Mehr geht nicht. Das nackte Grauen.' Die Flammenwerfer zu erwähnen, hat er beinahe vergessen. 1916 wurden sie zum Ersten Mal von den Deutschen eingesetzt. Wie kann man Menschen in Flammen setzen? Mit eigener Hand? Schützengräben, besetzt mit Menschen, lodern lassen wie ein Hexenfeuer? Was wäre gewesen 1918? Die sogenannten Siegermächte, die Alliierten, hätten erklärt: 'Diesen Krieg hat niemand gewonnen. Wir alle haben die Menschlichkeit verloren, wenn das möglich war."

"'Wie kann man planquadratweise Menschen ausrotten? Wie wenn man Ungeziefer beseitigen will? Wie kann man den Menschen keine Menschen mehr sehen, sondern nur noch Schädlinge, die man vernichten muss mit allem, was zum Vernichten zur Verfügung steht? Das ist das Ende der Menschlichkeit. Damit müssen wir aufhören!' Htlr wäre niemals möglich geworden. Er wurde möglich. Mit der Aussage: 'Man hat 1918 fünf Minuten vor zwölf aufgehört. Ich aber werde fünf Minuten nach zwölf aufhören'. Das ist genau der Mann, der auf dem Obersalzberg in der Art, wie er zu sprechen pflegte, schreien konnte: 'Ich bin Nationalsozialist und als solcher gewohnt zurückzuschlagen!' Damit begann. Der sogenannte zweite Weltkrieg."

"Wie, wenn man mit der Bergpredigt Politik machen würde, sähe sie aus? Sie wäre die wirkliche Widerlegung Hitlers. Wehe dem, der schwach ist, das steht ihm in den Knochen. Und das Töten muss dann sein, um Größe zu bewahren oder zu erringen. Über Leichen muss man gehen, damit der Berg immer größer wird. Wie man ganz da steht als Führer des Volkes. Der Hass, die Verzweiflung, die zerstörten Hoffnungen - all das konzentriert in der Leidenschaft der Destruktion. Hat das mit der Gegenwart etwas zu tun? Unbedingt. Wir müssen darüber nachdenken, warum wir Kriege führen, und wie wir sie verhindern können."

"Dass Jesus in eine Welt kam, die er wie vom Teufel besessen, wie hypnotisiert, wie krank, wie psychiatrisch verformt antreffen musste, lässt sich in unserer Sprache heute am einfachsten damit erläutern, dass wir als Menschen ein Problem haben, das uns schwerfällt, offensichtlich mit menschlichen Mitteln zu lösen. Das ist die Tatsache, das zu unserer Existenz es gehört, Angst zu haben. Geerbt, haben wir die Fähigkeit zur Angstempfindung aus den 200 Millionen Jahren der Säugetierevolution. Und uns stehen zwei Reaktionsweisen dabei zur Verfügung Flucht oder Angriff. Neurologisch programmiert in unserem Gehirn... Selbst wenn wir unterlegen waren, einem stärkeren Gegner, werden wir darüber nachdenken, weswegen wir nicht selber gesiegt haben."

"Das auch weiß der Sieger. Derjenige, den er in die Knie gezwungen hat, wird zurückkommen, und zwar gefährlicher, als er war. Welche Waffen konnte er einsetzen? Das lässt sich verbessern. Welch ein Angriffsvorteil könnte er durch Überraschung nützen? Welche Geländekenntnisse stünden ihm zur Verfügung, um den anderen in eine Falle zu locken? Wir lernen aus einer Niederlage als Menschen, weil wir planvoll denken können, die Gründe zu verstehen, aus denen wir unterlegen waren, um beim nächsten Mal sie in schlimmerer Weise einbringen zu können zu unserem Vorteil dann. Das heißt, man muß dem Bösen Widerstand leisten."

"Die Logik ist eine ganz einfache und sie durchzieht die menschliche Geschichte, soweit wir sie zurückverfolgen können bis zur Entstehung der ersten größeren Staatengebilde in Mesopotamien, also sagen wir rund fünf 6000 Jahre. Sie haben immer wieder das gleiche Muster: Aus lauter Angst flüchtet man sich in eine Sicherheit der militärischen Überlegenheit. Wer kann am besten töten? Wir lösen das Angstproblem, indem wir als erstes versuchen, potenziellen Gegnern Angst zu machen. Dadurch glauben wir, unangreifbar zu werden."

"Die ganze NATO-Philosophie seit 1949, seit ihrem Bestehen, angebracht schon 1952 in der Bundesrepublik West und dann '55 endgültig bei Einführung der Bundeswehr, hat diese Logik: Frieden durch Abschreckung! Frieden durch ein Gleichgewicht der Stärke - Balance of Power. Diese ganze Philosophie langt bis heute und täuscht die Bevölkerung. Denn auf diese Weise werden wir nicht sicherer. Ganz im Gegenteil: Wir gefährden uns immer mehr. Denn eine Folge dieses Denkens ist die permanente Verschlimmerung von Waffen, deren Technik, deren Einsatz, deren Training... Schauen Sie sich alleine die Entwicklung der Waffentechnik an. Und Sie haben die Progression des Unmenschlichen in der menschlichen Geschichte in gerader Linie."

"Mit dem Faustkeil können Sie zuschlagen. Wie das mit einem Baumast auch ein Schimpanse tun könnte. Aber das war uns nicht genug. Wir haben gelernt, fernzielende Waffen, Pfeil und Bogen zu erfinden, Speere einzusetzen. Alles nicht genug. Mechanische Geräte sind es. Wir können die Chemie nutzen. Da sind wir im 15. Jahrhundert. Wir können Sprengstoffe finden, dass ganze Teile einer Landschaft explosiv in die Luft jagen kann. Mit allen Menschen, die sich darauf befinden. Wieder nicht genug. Wir können die Chemie nutzen, um Chlorgas herzustellen. 1915 an der Westfront wird es eingesetzt. Die Menschen, die es einatmen erleben wie in ihren eigenen Lungen Salzsäure sich bildet und sie auf furchtbare Weise verröcheln lässt."

"Was es bedeutet, moderne Waffen einzusetzen, um einen Krieg zu gewinnen, könnten wir nicht machen, wenn wir Menschen blieben und Menschen sehen würden. Das ist der ganze Inhalt meines Vortrags heute Nachmittag im Namen der Bergpredigt und im Namen meiner festen Überzeugung: Wir bleiben nur Menschen im Frieden und wir verlieren die Menschlichkeit im Krieg. Deshalb müssen wir ihn verweigern, nicht nur bestimmter politischer Ungereimtheiten oder Diskussionswürdigkeiten wegen. Es geht um den Erhalt von uns selber, von unserer Humanität. Und Krieg ist das genaue Gegenteil, ist eine Parallelwelt zu jeglicher Kultur."

"Und was wir begreifen sollen. Wir verschieben auf diese Weise die Angst, statt sie zu lösen. Und die einfachste Formel, die Jesus meint: Dann halte doch die andere Wange hin auf dem Weg zum Frieden, bestünde darin, simpel zu sehen, dass Sicherheit niemals einseitig sein kann. Rosa Luxemburg konnte einmal sagen Freiheit in der Demokratie ist stets die Freiheit des anderen. Militärpolitisch sollten wir simpel sagen Sicherheit ist immer die Sicherheit des Anderen. Denn solange wir Angst haben vor dem anderen, hat der andere Angst vor uns. Je mehr wir rüsten, wird auch der andere rüsten."

"Schon Immanuel Kant konnte in den Ideen zum ewigen Frieden im 18. Jahrhundert genau das beschreiben. Unsere Angst macht dem anderen Angst. Und wirkt auf uns zurück, die wir noch mehr Angst vor ihm bekommen. Und aus diesem Teufelskreis können wir nur herauskommen, indem wir mit der Angstverbreitung ein Ende machen. Durch Verhandlungen, durch Verständigung, durch das, was in jeder Eheberatung vermittelt würden, was sie jedem Hundezüchter beibringen würden. Wenn Sie Angst verbreiten, ernten Sie Aggression und noch stärkeren Widerspruch. Wie in der Physik. Druck erzeugt Gegendruck. ...Psychologisch ist es kein bisschen anders."

"Es gilt, die Interessen des anderen zu beachten, sie zu verstehen, ohne die eigenen zu verleugnen und im Wechselspiel unterschiedlicher Interessen zu einem Ausgleich zu gelangen, nicht aber in Angst, aufeinander loszugehen und den anderen zu verteufeln, immer dabei auch personalisiert. Wir reden jetzt nicht über Russland, es ist nur Putin. 'Wenn Putin nicht wäre, hätten wir eine andere Politik.' Personalisieren, statt die Zusammenhänge sehen. Anklagen, statt zu analysieren und statt auf Ausgleich bedacht zu sein im Interessenvergleich, draufschlagen auf den Anderen als den Bösen."

"Was das Interesse Russlands wäre, hat tatsächlich Putin oft genug gesagt. 2007 in der Sicherheitskonferenz in München als er zum ersten Mal warnte vor dem Wiederbeginn des Kalten Krieges, schrieb eine deutsche Zeitung: 'Putin Doppelpunkt Kalter Krieg'. Wie wenn er ihn gewollt hätte. Das war seine Warnung. Und er hat sie ständig wiederholt. Noch im Dezember des Jahres 2021. Die Ausdehnung der NATO war ihm das Problem seiner Sicherheit. Die Ausdehnung der NATO war ihm das Problem seiner Sicherheit. Darf man das verstehen? Ist es möglich, dass die NATO wirklich jemand bedrohen könnte? Wir sind bedroht von Russland. So muss man das sehen. Und wer das anders sagt, glaubt der russischen Propaganda."

"Stellen Sie sich vor, was seit 1989 geschehen ist, um zu begreifen, was das Interesse Russlands sein kann und muß. 1989 hatten die Russen, Gorbatschow uns den Frieden auf den Tisch gelegt. Abrüstung vom Ural bis zum Atlantik. Ein entmilitarisiertes Europa. Konversion all der Möglichkeiten technisch, wirtschaftlich, wissenschaftlich zur Lösung der Probleme, die die Menschen wirklich haben. Das lag fertig auf dem Tisch, angeboten von Russen. Der Grund dafür, dass wir ein vereinigtes Deutschland heute haben als Geschenk Russlands. So sieht das aus in der Ursachenforschung. Es durfte aber nicht gelten, obwohl es so versprochen war... Unipolare Hegemonialansprüche. Ein amerikanisches 21. Jahrhundert. Das war das Programm."

"Wir haben 1995 im deutschen Fernsehen ein Gespräch zwischen dem Bomber-Kommandanten von Nagasaki, Major Sweeney, im Gespräch mit Günther Jauch. Und er fragt, was passiert ist. 'Ein halbes Jahrhundert ist hergegangen. Sie waren damals keine 25 und sie haben rund 100.000 Menschen getötet. Wie lebt man damit?' Sweeny antwortete: 'Befehl ist Befehl. Jeder Soldat der Welt hätte dasselbe getan!' Diese Aussage ist furchtbar, weil sie richtig ist. Jeder Soldat der Welt wird zu einem Gehorsam erzogen, der alles richtig findet, weil es ein Befehl ist. Aber es ist das Ende der Menschlichkeit, das Ende der Personalität, das Ende eines eigenen Gewissens. Und deshalb muss damit in allen Zeiten Schluss sein."

"Und wir müssen uns dieser Erziehung, dieser Ausbildung, diesem Training, dieser Indoktrination in den Schulen von Grund auf verweigern. Mit einem klaren Nein zum Krieg und zu allem, was da hinführt... Zum Pazifismus gehört ein Mut, sogar das eigene Leben im Widerspruch zu riskieren, wenn es der Wahrheit dient und die Wahrheit ist: Krieg ist die Unmenschlichkeit trainiert, organisiert, präpariert, an sich selber!... 'Mutter in Deutschland und Mutter in der Ukraine! Wenn sie wiederkommen und dir sagen, du sollst Kinder gebären. Jungen für die Schützengräben. Mädchen für die Lazarette. Mutter in Deutschland, Mutter in der Ukraine sag: Nein!'"

"Allein die Zweiteilung zwischen Gut und Böse - moralisch - ist das Problem, das eigentlich im Sinn des Christentums gelöst werden müsste und sollte. Wir können nicht auf die Ankunft des Gottesreiches warten und die Leerzeit dabei aussitzen mit immer weiteren Kriegen, die alles verschlimmern. Wir sollten mal auf das hören, was Jesus gesagt hat: 'Begreift die Gründe dessen, was ihr böse nennt, zu verstehen und abzuarbeiten, indem ihr psychisch sie überliebt durch mehr an Akzeptanz, mehr an Verständnis, mehr an Begleitung. Weniger an Angstverbreitung, Drohen, Terror, Bewaffnung usw..'"

Dr. Eugen Drewermanns ganze Rede ist nachzuhören unter: https://t.me/Friedensbildung

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