Freitag, 24.11.2017 23:04 Uhr

Was bedeutet "deutsch sein"?

Verantwortlicher Autor: Rolf Fischer Duisburg, 14.09.2017, 11:29 Uhr
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Brandenburger Tor - Quadriga
Brandenburger Tor - Quadriga  Bild: Frei Pixabay

Duisburg [ENA] In diesen Tagen ist viel von deutschem Patriotismus die Rede. Deutsche Fahnen werden in die Kameras gehalten und sich auf deutsche Werte berufen. Von den sogenannten deutschen Tugenden, fleißig, pünktlich, gerecht und ordentlich wird gesprochen. Reicht das aus, um „deutsch sein“ zu beschreiben?

Diese deutschen Tugenden gelten im alten Preußen besonders erstrebenswert, sind also eigentlich preußisch. „Deutsch sein“ ist aber viel mehr als preußisch zu sein. „Deutsch sein“ definiert sich heute bei vielen Deutschen über die Nationalität. Deutscher zu sein wird gleichgesetzt mit „deutsch sein“. Vielerorts wird sich heute auf die christlich – jüdischen, abendländischen Werte berufen. Die deutsche Kultur als einzig lebenswerte Grundlage gesehen, um hier, in Deutschland, als deutsch zu gelten. Die Liebe zu Deutschland wird in den Vordergrund gestellt und Patriotismus genannt. Nein, das ist nicht falsch und auch nicht zu verurteilen.

Das Land der Dichter und Denker.

Deutschland ist als das Land der Dichter und Denker bezeichnet worden. Nur sind viele dieser Altvorderen gar nicht Deutsche im Sinne unserer heutigen Definition gewesen. Denn die erste wirkliche deutsche Nation ist erst im Jahr 1870 gegründet worden. Davor begreifen sich die Menschen als deutsch, weil sie in einem gemeinsamen Sprachraum leben und die gleiche Kultur haben. Sie leben in verschiedenen Königreichen, Fürstentümern und Stadtstaaten und können sich nicht über eine gemeinsame Nation definieren. Anders als die Engländer, Franzosen und andere Europäer, die sich über das Staatsterritorium definieren, haben die Deutschen diese Möglichkeit nicht.

Richard Wagner (1813 – 1883), Hitlers Lieblingskomponist, hat das Deutsche nie in einer nationalen oder ethnischen Begrenzung empfunden. Goethe (1749 – 1832) hat seinerzeit den aufkommenden Nationalismus sogar als Angriff auf die deutsche Kultur, auf sein „deutsch sein“, empfunden. Sich als Deutscher zu fühlen, hat damals nicht bedeutet, dieses „deutsch sein“ an einer Nation oder Volksgruppe festzumachen, sondern sich eher als Kosmopolit zu sehen. Dennoch ist die Sehnsucht nach einer deutschen Nation sehr groß gewesen, in der alle Menschen mit deutscher Sprache und mit gleicher Kultur gemeinsam leben können. Hoffmann von Fallersleben (1798 – 1874) hat diese Sehnsucht in seinem Deutschlandlied ausgedrückt.

Thomas Mann (1875 – 1955), der 1933 ins Exil gegangen ist, hat sein „deutsch sein“ nicht an das deutsche Staatsgebiet gebunden: „Es ist schwer zu ertragen. Aber was es leichter macht, ist die Vergegenwärtigung der vergifteten Atmosphäre, die in Deutschland herrscht. Das macht es leichter, weil man in Wirklichkeit nichts verliert. Wo ich bin, ist Deutschland. Ich trage meine deutsche Kultur in mir.

„Deutsch sein“ als Lebensgefühl.

Ist das „deutsch sein“ also nicht viel mehr als die preußischen Tugenden? Deutscher zu sein heißt, ein Bürger Deutschlands zu sein. Reicht das aus, um sich auch deutsch zu fühlen? Reicht es aus dieses Land zu lieben, um sich deutsch zu fühlen? „Deutsch sein“ ist viel mehr als patriotisch zu sein, viel mehr als die christlichen – jüdischen, abendländischen Werte zu leben. Sich deutsch zu fühlen bedeutet viel mehr, als sich nur auf die Abstammung zu besinnen. Dieter Borchmeyer hat das folgend zusammengefasst: „Die klassischen Definitionen des Deutschen sind kosmopolitisch, und sie sind ein wunderbares geistiges Heilmittel gegen jede Form von Nationalismus.“

Das menschliche Deutschland.

Wer sich auf deutsche Werte und die deutsche Kultur beruft, kann diese Aussage nicht ignorieren. Ist es heute noch zeitgemäß in nationalen Grenzen zu denken? Ist es falsch ein Patriot zu sein? „Deutsch sein“ bedeutet, dass sich dafür eingesetzt wird, auch weiterhin die klassischen deutschen Werte in Deutschland leben zu dürfen. „Deutsch sein“ bedeutet, für die Menschlichkeit zu sein.

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