Dienstag, 12.12.2017 22:45 Uhr

Ist es wirklich so gut, hochbegabt zu sein?

Verantwortlicher Autor: Wolfgang H.F. Meinert Berlin, 23.09.2017, 10:27 Uhr
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Hochbegabt - und nun?
Hochbegabt - und nun?  Bild: © Fotolia_68113268 contrastwerkstatt

Berlin [ENA] Louis ist schon immer aufgefallen. Mit 16 Monaten löste er ein 300er Puzzle, konnte bis 100 zählen. Mit 22 Monaten konnte er ein 1000er Puzzle zusammensetzen und sprach Mehrwortsätze. In der Kita litt er und hatte Alpträume. In der Schule übersprang er Klassen, die Alpträume blieben.

Der Mathematikunterricht und auch andere Fächer waren ihm zu einfach. Bei ihm und einigen Gleichgesinnten in der Schule kamen Aggressionen hoch, die gewalttätig ausgelebt wurden. Fachkundige Psychologen deuteten das als Phänomen der Unterforderung. Das Abitur hat er recht durchschnittlich absolviert. Was ist eigentlich Hochbegabung? Es gibt dazu keine einheitlich anerkannte Definition. Hilfreich scheint das Begabungskonzept nach Renzulli zu sein. Das geht von drei sich überlappenden Bereichen aus.

Diese sind: überdurchschnittliche intellektuelle Fähigkeiten, eine hohen Kreativität und hohes Engagement und Motivation. Dort, wo diese drei Bereiche sich schneiden, spricht man vom Bereich der Hochbegabung. Doch mindestens zwei dieser Bereiche sind schwer objektivierbar. Üblicherweise nehmen Psychologen einen IQ-Test und sagen, wenn ein Wert über 130 erreicht wird, handelt es sich um einen Hochbegabten. Nur dieses Kriterium anzuwenden zeugt nach Auffassung von Hochbegabungs-Betroffenen von einer relativ schmalen Sichtweise. Die begründet sich auf dem gängigen Wissenschaftsbegriff. Da sich die Psychologie als Wissenschaft versteht, ist automatisch das Ergebnis eines Gutachtens auf Dinge begrenzt, die messbar oder berechenbar sind.

Das wird dem Phänomen der Hochbegabung jedoch nicht gerecht. Aber gleichwohl, ein IQ von 130 bedeutet bei einer Normalverteilung der Intelligenz, dass 98 Prozent unter diesem Wert liegen, also sind statistisch gesehen ungefähr zwei Prozent der Bevölkerung hochbegabt. Die Krücke des Intelligenzquotienten wird deswegen verwendet, da es immer noch nicht möglich ist, qualitative, differenzierte Denkprozesse oder Denkstrukturen für hochbegabte Menschen festzulegen. Es gibt auch kein standardisierbares Verhaltensmuster eines hochbegabten Kindes.

Allerdings gibt es einige typische Anzeichen. Entwicklungsphasen können übersprungen oder verkürzt werden, eine schnelle Sprachentwicklung -manchmal auch etwas später- dann aber schnell in ganzen Sätzen sowie ein großer Wortschatz gehört zum Beispiel dazu. Auch fällt eine besondere Neugierde auf, Wörter werden hinterfragt, Detailwissen wird aufgebaut. Allgemein hat ein Hochbegabter eine schnelle Auffassungsgabe, häufig verbunden mit einer weitreichenden Kombinationsgabe. Er verknüpft Inhalte eines Faches mit anderen Gebieten. Eine hohe Detailwahrnehmung kann ebenfalls festgestellt werden. Das Zahlenverständnis ist gut. Buchstaben werden als interessant wahrgenommen. Oft können hochbegabte Kinder bereits vor Schuleintritt lesen.

Wenn eine intellektuelle Herausforderung besteht, sind Hochbegabte in der Lage, eine hohe Konzentration auch über längere Zeit hinweg aufrecht zu erhalten. Das Gegenteil ist der Fall bei Wiederholungs- und Routineaufgaben. Konzentrationseinbrüche und Langeweile kommen auf. Der Nachteil ist, dass diese Kinder nicht lernen, sich um etwas bemühen zu müssen, um erfolgreich zu sein. Weniger begabte Kinder müssen sich anstrengen, müssen immer wieder lernen. Das brauchen Hochbegabte scheinbar nicht, jedenfalls nicht in jüngeren Jahren. Damit erlernen sie nicht die Fertigkeit, systematisch zu lernen und sich Erfolg zu erarbeiten. Das Desinteresse und die Langeweile bei Routineaufgaben behindert sie sozusagen in der Eigenentwicklung.

Gleichwohl sind sie oft perfektionistisch mit sich selber, aber auch mit anderen. Hochbegabte setzen sich häufig für Außenseiter ein, möglicherweise weil sie sich selbst als solche verstehen. Denn eine starke intellektuelle Überlegenheit macht auch einsam. Im Umgang mit Autoritäten kann es Schwierigkeiten geben, denn der Hochbegabte stellt Anweisungen zunächst einmal in Frage, weil er mitdenkt und weiter denkt. Das ist für manche Lehrer unbequem.

Probleme, die Hochbegabte haben: Sie vermeiden Anstrengung, das heißt, sie können in manchen Bereichen eine geringere Entwicklung aufweisen, einfach, weil sie sich nicht anstrengen. Sie sind oft unruhig und haben Langeweile, auch Impulsivität oder Überempfindlichkeit kommen vor. Es sollte abgegrenzt werden, ob eine Hyperaktivität im Sinne von ADHS vorliegt oder ob das Kind einfach „nur“ hochintelligent ist. Auch wenn auffälliges Verhalten auftritt, wie zum Beispiel Autoaggressivität oder Aggression ohne sichtbaren Grund, gilt es abzuklären, ob nicht eine Hochbegabung vorliegt. Klar scheint allerdings zu sein, dass nicht jeder hyperaktive Mensch hochbegabt ist.

Dass hochbegabte Schüler immer außergewöhnlich gute Leistungen zeigen müssen, ist nicht belegt. Es trifft zwar für einige zu, doch etliche Kinder zeigen das gar nicht, denn sie haben kein Interesse an Kindergarten oder Schule. So erklären sich ab und zu schlechte Noten - siehe Einstein. Warum brauchen hochbegabte Kinder Unterstützung? Sie leiden und dieses Leiden kann durch Förderung gelindert werden. Ungefördert werden die Kinder gezwungen, aus ihrer Sicht langsam zu lernen. Nur langsam lernen zu dürfen in allen Bereichen, aus der Sicht der Hochbegabten oft für einfachste Sachen, das macht unzufrieden und kann zu psychosomatischen Störungen führen. Außerdem ist zusätzlich durchaus eine soziale Isolierung anzutreffen.

Dies ist für die kindliche Entwicklung nicht sehr förderlich. In der intellektuellen Überlegenheit scheinen die hochbegabten Kinder ihrer Zeit voraus zu sein. Doch das gilt nicht nicht für ihre sozialen Bedürfnisse. Da geht es Ihnen wie gleichaltrigen Schülern. Sie möchten Zuwendung, sie möchten zu einer Gruppe gehören, sie möchten auch Geborgenheit spüren. Was können die Eltern tun? Wichtig ist, dass sie dem Kind den Eindruck vermitteln, dass Begabung gut ist und von den Eltern gewollt. Die Kinder fühlen sich aufrichtig ernst genommen, wenn mit ihnen zum Beispiel Vor- und Nachteile der Hochbegabung besprochen werden. Und zwar gleichgültig wie alt das Kind ist.

Auch Besuche von Ausstellungen, Bibliotheken, Museen, Konzerten, Theateraufführungen oder Lesungen kann die Kindesentwicklung bereichern, die Kinder beruhigen und auch die Eltern entlasten. Denn auch die Eltern leiden darunter, wenn die Kinder permanent Fragen stellen, die die Eltern teilweise nicht beantworten können. Das ist schon eine Dauerbelastung. Die Eltern sollten sich Freiräume schaffen im Sinne von Ruhezeiten am Mittag oder Abend, damit ihre Batterien wieder aufgeladen werden können.

Wie können die Lehrer fördern? Es ist hilfreich, dem Kind Freiräume zu lassen, zum Beispiel Aufenthalt in Bücherecken zu erlauben, ihnen Wiederholungen oder Zwischenschritte zu ersparen und dem Kind auch Sonderaufgaben zu geben. Es kann auch hilfreich sein, in einzelnen Fächern schon mal in eine höhere Klasse hineinzugehen. Überspringen von Klassen sollte ermöglicht werden.

Die Eltern haben es überhaupt nicht leicht. Oft werden sie vom Umfeld angegriffen. Ihnen wird dann vorgeworfen, sie würden das Kind dressieren oder als etwas Besseres ansehen. Den wenigsten ist klar, dass der Umgang mit einem hochbegabten Kind anstrengend sein kann. Manche Eltern machen sich den Vorwurf, dass ihrem Kind sozusagen die Kindheit verloren geht, wenn es sich mit seinem intellektuellen Wissensstand und dessen Entwicklung beschäftigt. Aber was ist die Alternative? Die Alternative ist, dass es dem Kind schlecht geht und es leidet. Was ist eine Kindheit für ein hochbegabtes Kind? Das Kind zu bremsen, es einzuengen in das Entwicklungstempo und die Inhalte eines normalbegabten Kindes?

Doch das nützt dem Kind in keinster Weise, es leidet ja umso mehr. Hilfreich ist es für das Kind, auf Gleichgesinnte zu treffen, also Gleichgesinnte im Sinne von ähnlich hochbegabten Kindern. Ein anderer Aspekt sollte ebenfalls betrachtet werden: Oft tritt zusammen mit der Hochbegabung auch eine Hochsensibilität auf. Aber nicht immer, auch kann es der Fall sein, dass ein hoch sensibles Kind ähnliche Phänomene aufweist, wie ein hochbegabtes, aber nicht den intellektuellen Vorsprung hat. Beide können sich möglicherweise recht gut ergänzen.

Wohin können sich Eltern wenden? Hilfreich ist der Besuch der Regionalvereine der deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind. Dies ist ein bundesweit tätiger gemeinnütziger Verein, in dem sich betroffene Eltern, Pädagogen, Psychologen sowie andere Interessierte ehrenamtlich für die Förderung hochbegabter Kinder einsetzen. Die Internetadresse lautet www.dghk.de. Dort finden die Betroffenen eine Vielzahl von Informationen sowie Listen mit allen Regionalgruppen in Deutschland.

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