Dienstag, 12.12.2017 22:51 Uhr

Zwei Klassiker und eine Rarität-Aaron Pilsan in München

Verantwortlicher Autor: Gerhard Bachleitner München, 26.01.2017, 23:01 Uhr
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Aaron Pilsan
Aaron Pilsan  Bild: Veranstalter

München [ENA] In der zeitlich kompakten Konzertform Klassik vor acht, die ohne Pause und zu angenehm früher Tageszeit plaziert ist, präsentierte der 22jährige Aaron Pilsan aus Österreich am 23.1.2017 eine Abfolge, die einem Wettbewerbsprogramm sehr ähnlich sah, zwei Pflichtstücke und eines nach freier Wahl.

Von Bach hatte er die erste französische Suite, d-Moll, BWV 812, gewählt, nicht schwer, aber stilistisch nicht ohne Widerhaken. Pilsans Konzeption entwarf einen klassizistischen, glatten und wenn man so will: marmorgrauen Bach. Dies ist eine respektable Entscheidung, mit der man sich einverstanden erklären kann. Allerdings spielt der Komponist bei aller Stilisierung doch auch noch auf reale Affekte an, die gerade im Typus der französischen Ouvertüre unverkennbare Gestalt finden. Dieser Satz ist in der Suite zwar nicht enthalten, doch dürfte man in der Courante durchaus ein wenig mehr Leidenschaft spüren.

In der Sarabande spielt Pilsan punktierte Achtel, während der Urtext glatte Achtel vorgibt. Das ist dann eine Ermessensfrage. Im Menuett konnte man sich an die 2. Orchestersuite erinnert fühlen. Pilsan ließ erstmals Interesse am Klang erkennen und machte die Flöten über dem Streichersatz hörbar. Die rhythmisch vertrackte Gigue, die sozusagen vor lauter Verzierungen gar nicht mehr laufen, geschweige springen kann, überzeugt am Klavier nicht. Da müßte man wahrscheinlich zu einem drahtig-energischen Streicherensemble in Originalklangmanier greifen.

Die Rarität

Georges Enescu hat 1913-1916 seine 3. Klaviersuite geschrieben und als "Pieces Impromptus" op. 18 bezeichnet. Das selten gespielte Werk klingt für den mitteleuropäisch situierten Hörer ungefähr wie eine Stilmischung aus Skrijabin und Reger, und daß Bartok zur gleichen Zeit zukunftsweisendere Lösungen gefunden hat, läßt sich auch nicht ignorieren. Es war die Zeit am Ende der Tonalität, als überall nach Auswegen gesucht wurde, aber nicht jeder weiterführte. Der Gestus ist bei Enescu recht grüblerisch, es gibt wie bei Reger zuviele Noten und zuviel Unterholz und wie bei Skrijabin eine leicht entzündliche Assoziationsbereitschaft.

Bei der "Stimme aus der Steppe" fällt dem Hörer unvermeidlich Borodins "Steppenskizze aus Mittelasien" ein, die das Sujet freilich konziser und poetischer zu fassen vermag. An der "Melancholischen Mazurka" läßt sich unschwer zeigen, welche Probleme Enescu nicht gelöst hat. Das Stück kann sich nicht entscheiden, ob es in Chopins Fußstapfen weiter gehen will - wie Skrijabin dies anfangs vielfach getan hat - oder eine Parodie riskieren soll.

Das Appassionato klingt noch am zugänglichsten und vergibt trotzdem seine Chancen. Es ist stets dicht davor, zu einer Walzer-Paraphrase nach J. Strauß zu werden, wie es damals nicht wenige gab. Der salonhafte Ton bleibt aber letztlich ziel- und ortlos, verdichtet sich nie zu einer faßbaren melodischen Gestalt. Der Choral könnte nur überzeugen, wenn man ihn sich von schwerem Blech im Orchester ausgeführt denken könnte, etwa wie das Große Tor von Kiew in Mussorgskis "Bildern einer Ausstellung". Dies will bei Enescu indes nicht gelingen.

Am interessantesten und überzeugendsten ist das letzte Stück der Suite, das "Nächtliche Glockenspiel". Enescu imitiert hier den Klang von Kirchenglocken. Dieser Topos reicht zwar bis ins Barock zurück, etwa W. Byrd, den dann C. Orff orchestriert hat, doch Enescu versucht am modernen Flügel, die charakteristischen Obertöne von Glocken zu imitieren. Dies gelingt ihm mit einer bestimmten Lage und einer pianistisch sozusagen kontraintuitiven Lautstärkeverteilung zwischen linker und rechter Hand. Ein ähnliches Sujet hatte kurz zuvor Debussy im ersten Heft seiner Preludes behandelt, die "Versunkene Kathedrale", formal geschlossener, aber ohne das klangliche, fast möchte man sagen: psychoakustische Raffinement Enescus.

Chopins Etüden op. 10

Chopins Etüden op. 10 sind für jeden Pianisten unverzichtbarer Repertoirebestandteil. Hier muß sich technische Virtuosität in zwar nicht allen, aber doch vielen wichtigen Tonarten und in verschiedenen Ausdruckscharakteren bewähren. Aaron Pilsan hatte die geläufigen Finger und die Kondition, die man dafür braucht. Die populäre E-Dur-Kantilene der Nr. 3 nahm er erfreulich unsentimental, ohne auf Rubati zu verzichten, konnte aber auch keinen kompositorisch plausiblen Zusammenhang zu dem grundlos agitierten Mittelteil herstellen.

Die F-Dur Etüde, Nr. 8, bräuchte eine besser ausbalancierte Dynamik: das Thema im Baß müßte akzentuierter hörbar werden, während die sich im Diskant vordrängenden Sechzehntelketten zurückgenommen werden müßten. Ähnliches gilt für Nr. 7. Die zugegebene Berceuse von Chopin hätte das Publikum als Aufforderung zur Nachtruhe - für sich und den Pianisten - verstehen können. Pilsan ließ sich dann aber doch noch hinreißen, stilistische Weltläufigkeit zu demonstrieren, und präsentierte Mozarts alla turca in einer partiell stark verjazzten Version, die offensichtlich von Fazil Says einschlägiger Bearbeitung inspiriert war.

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