Montag, 16.07.2018 06:30 Uhr

Orchestertranskriptionen: Schuberts Fantasie f-Moll, D 940

Verantwortlicher Autor: Gerhard Bachleitner München, 02.02.2018, 05:20 Uhr
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Fassung für Bläserquartett und Klavier von Spira, Kopfsatz T. 48ff
Fassung für Bläserquartett und Klavier von Spira, Kopfsatz T. 48ff  Bild: G. Bachleitner

München [ENA] Die Praxis instrumentaler Transformation, die stets zur musikalischen Tradition gehört hat und nur im 20. Jahrhundert und in Europa aus puristischen Skrupeln in den Hintergrund gedrängt wurde, hat in den letzten Jahren wieder erfreulich an Interesse gewonnen.

Die vermutlich erste Orchestrierung, die erst kürzlich durch einen Nachdruck wieder greifbar geworden ist, stammt von Ernst Rudorff aus dem Jahre 1870 und macht einen etwas akademischen, sehr zurückhaltenden Eindruck, wie bei einem Musiker aus dem Brahms-Umkreis auch nicht verwundert. Daß er zugleich der Begründer des Heimat- und Naturschutzes war, könnte zu der Charakterisierung verleiten, diese Orchestrierung sei vegetarischer Natur. Jedenfalls kann man im Nachhinein Felix Mottls spätere Motivation verstehen, bei diesem Werk doch etwas kräftiger hinzulangen, um mehr Eindruck hervorzurufen.

Mottls Schubert-Auffassung läßt schon beim Blick in die Partitur zwar Schlimmes be-fürchten und klingt auch erwartungsgemäß problematisch, ist aber für die Ohren des 19. Jhdts. eine angemessene und würdige Huldigung. Das üppig besetzte Orchester geht weit über Schubert hinaus, wäre aber durchaus tolerabel, wenn nicht einzelne Effekte stören würden. Vor allem Harfe und Piccolo befremden in diesem Zusammenhang (Piccolo kann man allenfalls bei forschen Tänzen verwenden, wie es Bruno Maderna in seiner Orchestrierung von Polka und Galopp D 735 gemacht hat).

Harfe im düsteren Schatten der Posaunen ist ein besonders pathe¬tischer Effekt, man kommt sich vor wie in einem Filmmelodram der 30er Jahre. Grenzwertig ist der Einsatz der Trompeten in einer Weise, wie sie erst Mahler verwendet. Vermutlich ging Willem van Otterloos erste Orchestrierung, die nicht eingespielt wurde, in eine ähnliche Richtung, wobei die Frage wäre, weshalb er sich die Arbeit angesichts von Mottls erschöpfender/ausschöpfender Version überhaupt machte. Die überlieferte zweite Version klingt vorbildlich zurückhaltend und sehr stilsicher.

Gelegentlich (und mit etwas schlechtem Gewissen) wünscht man sich aber doch einiges von Mottls Fülle und Mut zur Auffüllung. So könnte man sich die Ideallösung wohl ungefähr bei 25% Mottl und 75% Otterloo vorstellen. Leider nimmt Leon Botsteins Dirigat keineswegs für Mottl ein. Er klingt wie ein Filmmusikdirigent der 30er Jahre und läßt es an Stilempfinden fehlen. Das American Symphony Orchestra agiert grob und sehr direkt.

Roman Pawlowski steht in Mottls Tradition eines arrangierenden Dirigenten und legt ebenfalls eine effektvolle, aber nicht stilreine Bearbeitung vor. Daß im Largo an unver-muteter Stelle martialische Trompeten auftauchen, könnte man durchaus goutieren, doch daß sie mit ihren Fanfaren auch im Trio des Scherzos erscheinen, ist wohl des Guten zuviel. Unnötig aus dem Rahmen fällt auch ein Hornsolo in der finalen Fuge, das zu Schuberts Zeit unmöglich gewesen wäre. Wenn schon, hätte die virtuose Partitur eine kompetente Aufführung verdient, doch die Wiedergabe durch das Symphonieorchester von Newark ist sehr dürftig und läßt viel zu wünschen übrig.

Dmitri Kabalewsky hat einst eine sehr ernsthafte und aufwendige Bearbeitung für Klavier und Orchester hergestellt, die von Emil Gilels eingespielt wurde, leider in einer akustisch sehr muffigen und uninspirierten Aufführung. Der russische Bearbeiter, der aufgrund seiner Musiktradition dem 19. Jahrhundert noch näher steht, nimmt sich einige Freiheiten und beabsichtigt keinen stilreinen Schubert. Er gehorcht der gewählten Form des Klavier-konzertes, das in diesem Falle aus vier ineinander übergehenden Sätzen besteht, auch mit einer Kadenz an der entsprechenden Stelle.

Nur in einer synthetischen Wiedergabe und nur mit dem Kopfsatz-Allegro liegt eine Or-chestrierung von Kevin Vincent Halpin vor, die plausibel beginnt, im Tutti ab T. 48 aber mangelnde Beherrschung des Orchesterapparates verrät. Die vermutlich neueste Orchestrierung wurde, auf den Schubert-Tagen Wien-Lichtental 2010 aufgeführt. Sie stammt, wie auch die Orchesterfassung der Arpeggione-Sonate D 821 und der Kantate Mirjams Siegesgesang D 942 - die aber Franz Lachner schon recht schön instrumentiert hatte - von Johannes Holik. Mangels Quellen ist über diese Arbeiten keine weitere Aussage möglich.

Ergänzend seien weitere Instrumentierungen für den kammermusikalischen Rahmen erwähnt, die dem im Original monochrom klavieristischen Werk jeweils überraschende Farben hinzufügen. Bläserquartett (Oboe, Klarinette, Horn und Fagott) und Klavier stellte sich Leonard Spira vor. Für das Klaviertrio entschied sich Russ Bartoli. Eine Bearbeitung für Violoncello und Klavier stammt von Laszlo Varga aus dem Jahre 1962. Und eine Bearbeitung für Streicher hatte 2012 ihre Uraufführung. Dobrinka Tabakova versucht hier mit einem monochromen Streicherklang die Härte von vier Klavierhänden nachzubilden.

Biblio-/Diskographie Felix Mottl Orchestrierung. Leon Botstein, American Symphony Orchestra http://www.youtube.com/watch?v=0U0ScaaHINY Orchestrierung Roman Pawlowski, Newark Symphony Orchestra: https://www.youtube.com/watch?v=wnzIIg6gjus Willem van Otterloo, Orchestrierung 1952 (ungedruckt) Einspielung: Niederländisches Radio-Kammerorchester unter Thierry Fischer. 2007

Dmitri Kabalewsky Bearbeitung für Klavier und Orchester, Moskau 1963 http://www.youtube.com/watch?v=6cPeZ_61RaY Leonard Spira für Oboe, Klarinette, Horn und Fagott und Klavier Russ Bartoli für Klaviertrio Laszlo Varga für Violoncello und Klavier https://www.youtube.com/watch?v=GOnwZ6D2ynA Dobrinka Tabakova für Streicher https://www.youtube.com/watch?v=SagvAjbL6sg

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