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Ein Winter auf Mallorca

Verantwortlicher Autor: C. Schmieder Berlin, 27.12.2016, 13:12 Uhr
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In der Berliner Philharmonie: Ein Winter auf Mallorca
In der Berliner Philharmonie: Ein Winter auf Mallorca  Bild: © C. Schmieder

Berlin [ENA] George Sand und Frédéric Chopin verband eine Freundschaft, von der uns ein Buch als auch einige Klavierstücke Kunde geben. Der Ort, an dem diese Beziehung vielleicht ihren Höhepunkt, gewiß aber ihre Peripetie hatte, war eine Insel im Mittelmeer, zu einer Jahreszeit, die nach Wärme sich sehnt.

Zu den großen wie auch letzten Geheimnissen des Lebens zählt insbesondere das, was sich dem Menschen entzieht, sei es ein Wissen, sei es, die Dinge voraussehen zu können, sei es jenes, was nach Ablauf unserer Erdenzeit uns erwartet. Oder aber auch nur die Ahnung, mit welchen Menschen uns das, was wir unverständlich Schicksal nennen, zusammenführt, welche Begegnungen es heraufbeschwört, und an welchen Orten und zu welchen Zeiten sich die Wege kreuzen. So unverhofft wie unvorhersehbar darf man sich auch die Begegnung zwischen George Sand und Frédéric Chopin imaginieren, wie sie in Paris statt hatte.

George Sand, die mit richtigem Namen Amantine Aurore Lucile Dupin de Francueil heißt, eine französische Adlige, ertrug bereits damals schon all jene Vorurteile und gesellschaftlichen Zwänge der Franzosen nicht, so daß sie über das damals übliche monogame Ehemodell, die vorgeschriebene Mode wie auch Geschlechterrollen sich hinwegsetzte. Dies gestattete ihr – nach und vor weiteren – eine Beziehung zum Komponisten Frédéric Chopin, der in ihr neben der Liebhaberin zudem eine Freundin und Förderin fand.

Im Winter des Jahres 1838/39 reisten beide, begleitet von Sands Kindern Maurice und Solange, nach Mallorca, um gesundheitliche Leiden im milden mediterranen Seeklima zu lindern. Unterkunft fanden sie in der Kartause von Valldemossa, doch die Bedingungen in diesem klerikalen Mauern waren alles andere als zuträglich. Nach 98 Tagen – so liest man – verließen sie die Insel.

Eingang zur Philharmonie am Potsdamer Platz

Was hiervon blieb, ist Sands Buch „Un hiver à Majorque“ sowie eine beachtliche Zahl von Chopins Kompositionen, beides in Auswahl und Auszügen vor kurzem im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie zu erleben, illustriert von Fotographien, die Ohren und Phantasie zu Chopins Klängen mit auf Reisen nahmen, hin zu jenem Ort, zu jener Zeit, zu jenen beiden Menschen – kurz: in eine Ferne, die doch und umso mehr bei diesem Konzert Nähe wird.

Daß Musik beflügeln kann, gilt schlechthin als Allgemeinplatz, doch Vladimir Mogilevsky läßt einen auf ihren Flügeln entschweben in ein Nirgendwo, einen Ort, getönt in den Farben des alten Europa, seinen Pariser Salons, der winterlichen Natur Mallorcas mit ihren Wettern und Winden, die er unter seinen Fingern von den Tasten auffahren läßt, daß sie uns verzaubern, berühren, in Sphären vordringen, wo weder Worte noch Sprache Zutritt haben. Nocturnes, Polonaises, und immer wieder die Préludes, Moll und Dur, Melodien, die trotz Winter aufblühen, sich sanft den Rhythmen beugen, zu einem Walzer wie ein Teppich sich breiten, der aus Stimmungen gewebt scheint. Chopin eben.

Darunter jenes berühmte Regentropfen-Prélude, das die Zeit anzuhalten scheint, und doch im Spiel Mogilevskys eine Leichtigkeit erhält, die weiß, daß es auch Frühling, auch Sommer gibt, die ein Versprechen bereithalten, das, wenn es eingelöst wird, etwas von dem aufscheinen läßt, was menschliche Sprache Glück nennt, im Moment jedoch noch Ferne, weite Ferne ist. Und dann tönen die Worte Sands, denen Stefania Adomeit eine Stimme verleiht, und die das fassen, was in der Musik sich nicht greifen läßt, was aber dennoch eine Präsenz hat, deren Tiefe, deren Höhe sich nicht miteilt, sich lediglich erahnen läßt.

Und so reift beim Hören der Wunsch, beim nächsten Mal auf Mallorca, egal zu welcher Jahreszeit, die alte Kartause aufzusuchen, zu schauen, zu hören, welche Töne, welche Klänge von damals noch in den Mauern sich gehalten haben, sich in den Fugen und Nischen finden lassen, und die uns zu diesen beiden Menschen führen, die – inzwischen längst fern – das Schicksal in seinen unvorhersehbaren Wendungen zusammen auf jene winterliche Insel sandte, und die von jenen Tagen wissen, die Sands Buch und Chopins Musik an diesem Dezemberabend uns unvergeßlich machten.

© C. Schmieder
© C. Schmieder
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