Freitag, 18.05.2012 13:05 Uhr

Drei Groschen sind uns nicht genug

Verfasser: Joachim Sobek / www.openlens.de Wiesbaden, 28.09.2011, 19:46 Uhr
Nachricht/Bericht: +++ Kunst, Kultur und Musik +++ Bericht 4036x gelesen
Christine Brieger / Andreas Karthäuser
Christine Brieger / Andreas Karthäuser  Bild: Joachim Sobek

Wiesbaden [ENA] Die Sängerin Cristine Brieger führt mit ihrem aktuellen Program durch die Musik und das Leben von Kurt Weill. Sie beschreibt dabei mit musikalischen Mitteln die Entwicklung der Beziehung von Weill zu seiner Geliebten und späteren Ehefrau, Lotte Lenya.

"Kurt Weill" eröffnet das Konzert mit einem Klaviersolo. Seine Gattin "Lotte Lenya" lehnt lässig auf der gegenüberliegenden Seite des Flügels und lauscht der Musik ihres Mannes. Ohne sich zu regen, fast zweieinhalb Minuten lang, betrachtet "Lenya" ihren Mann wie er das Instrument "bearbeitet": liebevoll, ein wenig skeptisch, aber hoch konzentriert, das Publikum scheint noch nicht anwesend zu sein. Plötzlich regt sie sich, wendet sich den gespannt wartenden Zuschauern zu und singt den ersten Chanson des Abends, mit kraftvoller Stimme. Es ist die Mezzosopranistin Christine Brieger, die auf der Bühne in die Figur der Lenya schlüpft. Ihr Partner, Andreas Karthäuser, Kirchenmusiker und Pianist, verkörpert den Komponisten Kurt Weill.

Vor ausverkauftem Haus, dem Hinterhof-Palazzo in Wiesbaden, führen die beiden in einem fast zweistündigen Konzert durch das Leben eines der schillerndsten Ehe- und Liebespaare der damaligen Zeit. Im Wechsel spielen sie Musicaltitel, Chansons und klassiche Lieder. Sie, Brieger, übernimmt zwischen den Titeln die Erzählerrolle, schwappt in ihren Liedern zwischen Deutsch, Englisch und Französisch souverain hin und her - genau so wie es das Küntlerpaar Weill/lenya wohl auch gemacht hätte.

Christine Brieger
Andreas Karthäuser

Der Zyklus den Brieger zusammengestellt hat, bildet die Stationen des Paares ab: Berlin, Paris, und New York. Immer wieder, zwischen den Musikstücken, liest Brieger aus persönlichen, intimen Briefen der beiden, aus dem Lenya-Buch oder präsentiert die Ergebnisse ihrer eigenen Recherchen und begibt sich so auf eine kurzweilige Reise durch die Gefühlswelt des Künstlerpaares.

Und so reihen sich die Titel, wie “The Cat Fish Song”, “Youkali”, “Speak Low” oder “Das Soldatenweib”, zwar unchronologisch aneinander, doch sind sie wunderbar einfühlsam in die zugrundegelegte Geschichte eingebaut. Es gelingt Brieger mit aller Distanz sich in die Rolle hineinzufühlen, ihr Leben einzuhauchen. Die Interpretin hat ihre Rolle mit starken schauspielerischen Elementen angelegt. Brieger will das auch so, sie will nicht nur die Musik, sondern vor allem auch die Texte vermitteln . Das merkt das Publikum, man ist bei ihr, hängt an ihrem Ausdruck, wenn sie singt und liest.

Es ist den beiden Musikern gelungen mit einer gleichberechtigten Performance die tiefgehende Verbindung zwischen zwei Menschen, das Hin und Her in ihrer Beziehung, Liebe, Entzweiung, Wiederzusammenfinden nachvollziehbar zu vermitteln. Bezeichnend dafür ist der Satz von Brieger : "Amerika ist noch nicht reif für Lotte. Also führt sie Kurt den Haushalt, heiratet ihn ein zweites Mal und langweilt sich. Ihre Zeit vertreibt sie sich mit ihrem Lieblingshobby; sie geht auf Männerfang".

Gegen Ende des Konzerts spielen Karthäuser und Brieger zwei Zugaben, das Publium hat sie dazu aufgefordert - mit andauerndem Applaus. "Warum haben sie als Zugabe nicht Mäckie Messer" gesungen", fragt jemand nach dem Konzert. "Weil, ...mit Verlaub, das zu abgedroschen ist", erwidert Brieger mit respektvoller Zurückhaltung. Es ist ihre Absicht in diesem Konzert Unbekannteres von Weill zu präsentieren und so den "anderen Weill zu zeigen, ihn nicht bloss auf die Zeit mit Brecht zu reduzieren", sagt sie. Und das ist an diesem Abend gelungen.

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