Freitag, 22.09.2017 17:19 Uhr

"Das Wichtigste ist die Synthese"

Verantwortlicher Autor: Dominik Lepuschitz Wien, 19.04.2017, 20:47 Uhr
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Hannu Lintu
Hannu Lintu  Bild: Veikko Kähkönen

Wien [ENA] Hannu Lintu, Chefdirigent des Finnish Radio Symphony Orchestra (FRSO) gehört zu jenen finnischen Dirigenten, die gerade dabei sind, die Welt der klassischen Musik mit ihrem markanten Stil und einem Schwerpunkt auf zeitgenössischer Musik entscheidend zu prägen.

Am 21. April debütiert Lintu mit dem RSO Wien und einem anspruchsvollen Programm im Wiener Konzerthaus. Neben Mozarts Hornkonzert in Es, KV 495, in der autographen Fassung für Flügelhorn - Solist ist Sergei Nakariakov – gibt es "Feria" von Magnus Lindberg, Mieczysław Weinbergs Trompetenkonzert in B, op. 94, und Jean Sibelius´ „Tapiola“, op. 112, zu hören. Bei der Probe zu „Tapiola“ durften wir zugegen sein, anschließend empfing uns Maestro Lintu zu einem Gespräch.

Jean Sibelius gilt als schwierig und unzugänglich. Hat man es als Finne hier leichter? - Bis zu einem gewissen Punkt vielleicht – doch man sollte das nicht überbewerten. Man braucht ja auch kein Ungar zu sein, um Liszt zu verstehen oder Norweger für Grieg. Die größten Sibelius-Interpreten sind Karajan und Sir Colin Davis. Ich glaube, Sibelius hat diesen Ruf, weil er eben tatsächlich etwas seltsam ist.

„Tapiola“ ist für das RSO Wien ein neues Werk. Wo liegen die größten Schwierigkeiten bei der Erarbeitung? - Grundsätzlich ist Sibelius für die Musiker eine Herausforderung. Diffizile, eng verwobene Strukturen treten oft nicht klar hervor, verschiedene Instrumente stehen in Beziehung zueinander und sollten aufeinander hören, doch sie realisieren es zunächst gar nicht. Was mir am RSO sehr gut gefällt, ist der warme, füllige Klang. Finnische Orchester klingen sehr transparent – manchmal zu sehr. Ich glaube, es war dieser reichhaltigere Klang, der Sibelius vorgeschwebt ist, nachdem er ihn in jungen Jahren in Wien kennengelernt hatte.

Zum Dirigieren kamen Sie durch einen ehemaligen Chefdirigenten des RSO – Leif Segerstam. - Ja, das ist wahr. Ich besuchte mit meinen Eltern das berühmte Opernfestival von Savonlinna, wir sahen „Don Carlos“. Von meinem Platz aus konnte ich in den Orchestergraben sehen und war absolut fasziniert von dem Mann, der alles so souverän beherrschte und zusammenhielt. Hier fiel wohl mein Entschluß, Dirigent zu werden.

Haben Sie Segerstam kennengelernt? - Ja, aber erst während meines Studiums. Ich studierte bei Jorma Panula [ein fast schon legendärer Dirigenten-Lehrer, nicht unähnlich dem, was Hans Swarowsky einmal in Wien war; Anm.d.V] und Segerstam vertrat ihn während einer Abwesenheit. Bei Panula war der Unterricht wie Zen – er sprach nicht, ließ den Studenten in ihrer Entwicklung freien Lauf, forderte sie auf, sich selbst zu finden. Segerstam war das genaue Gegenteil. Ich hatte kaum begonnen, zu dirigieren, schon kamen seine Korrekturen. Tempi, Taktschlag, Gestik – in allem war er überaus genau und detailliert. Man konnte unheimlich viel von ihm lernen.

Wie kamen Sie zur Klassik? - Meine Mutter hatte eine umfangreiche Plattensammlung. Jeden Abend hörten wir die großen Werke von Bach, Tschaikowski, Grieg usw. Wenn ich zu Bett ging, hatte ich die Musik noch ganz deutlich im Ohr. Mit fünf begann ich, Klavier zu spielen, mit acht kam das Cello hinzu. Ich fand Freunde, die auch musizierten und begann, im Jugendorchester zu spielen. Außerdem sang ich im Chor als Knabensopran. Das ermöglichte es mir, Werke wie die Matthäus-Passion tatsächlich zu musizieren.

Als Achtjähriger kann man die Matthäus-Passion nicht im Orchester mitspielen – das geht einfach nicht. Im Chor, als Knabensopran, war das aber möglich. Ich kenne heute noch alle Gesangsstimmen in- und auswendig. Manchmal, während langer Autofahrten, spiele ich eine Aufnahme ab und singe eine Stimme mit – aber nur, wenn ich allein bin... Ich stamme aus einer sehr kleinen Stadt in Finnland. Wären meine Freunde und der Chor nicht gewesen – ich wäre wohl nicht Musiker geworden.

Haben Sie dirigentische Vorbilder? - Von den üblichen Verdächtigen – Karajan, Bernstein und Co. - einmal abgesehen, sind es vor allem ältere Aufnahmen aus den 30ger und 40ger Jahren, die mich interessieren. Namen wie Jascha Horenstein sind heute vergessen. Hier gibt es sehr viel aufzuarbeiten und zu entdecken. - Welche Eigenschaften sollte ein Dirigent haben? - Er muß zuallererst nehmen, was das Orchester zu geben hat und es dann mit seinen eigenen Vorstellungen kombinieren. Er sollte imstande sein, Abläufe zu vereinfachen und zu beschleunigen, Probleme zu lösen und Dinge zu ermöglichen – den Betrieb reibungslos gestalten. Einfach nur spielen können die meisten Orchester auch ohne ihn.

Und musikalisch? - Wir haben es immer mit drei Faktoren zu tun: dem Komponisten, dem Dirigenten und dem Orchester. Der Dirigent muß sein Konzept, seine Vorstellungen, die er sich in der Auseinandersetzung mit der Partitur angeeignet hat, dem Orchester vermitteln und in der Erarbeitung des Werkes eine Synthese aus diesen drei Faktoren erzeugen. Das ist das wichtigste – die Synthese.

Ist Ihnen die Sitzordnung des Orchesters wichtig? - Ja, zweifellos – es ist keineswegs gleichgültig, ob die ersten und zweiten Geigen nebeneinander oder einander gegenüber sitzen. In erster Linie hängt das aber vom Werk ab, und das ist auch meine Richtlinie. Wo es wichtig ist, versuche ich, es umzusetzen. Manche Orchester verweigern überhaupt jede Änderung – als Gastdirigent kann man das dann nur akzeptieren.

Gibt es einen Unterschied zwischen Rundfunkorchestern und „normalen“ Orchestern? - Ich empfinde Rundfunkorchester als flexibler – sie sind „schneller“ in ihrer Auffassungsgabe, auch beim Notenlesen, was vielleicht damit zu tun hat, daß sie mehr mit zeitgenössischer Musik befaßt sind, und die ist oft ganz schön kompliziert. Manche traditionellen Orchester mögen das gar nicht und spielen dann nur sehr widerwillig.

Finnland feiert heuer den 100. Jahrestag seiner Unabhängigkeit. Welche Rolle spielte die finnische Musik dabei? - Vor 100 Jahren war Musik sehr wichtig als Ausdruck nationaler Identität. Werke wie „Finlandia“ hatten keinen Text, dadurch konnte die russische Zensur nicht greifen. Die Musik wurde zum Freiheitssymbol. Heute ist sie unser Fenster zur Welt. - Musik hat in Finnland also nach wie vor einen hohen Stellenwert? - Absolut, in vielerlei Hinsicht. Finnische Dirigenten haben bei uns einen Status, den anderswo Skifahrer oder Fußballer haben – sie sind wirklich sehr angesehen. Die Finnen sind stolz auf ihre Musiker, und international gesehen ist das ein wichtiges Aushängeschild.

Konzertkarten sind nicht teuer, die Auslastung liegt durchgängig bei 99%, ins Konzert zu gehen ist keineswegs elitär. Nur Wirtschaftsleute und Politiker sind dort eher selten anzutreffen. Kultur ist etwas für die breite Masse der Bevölkerung. Auch zeitgenössische Musik ist gut integriert und angenommen, Uraufführungen sind etwas völlig Normales. Außerdem suchen Menschen zunehmend Orte, wo sie ihr Telefon einmal abschalten können, im Dunkeln sitzen und Ruhe haben. Kultur bietet ihnen Sicherheit in zunehmend als unsicher empfundenen Zeiten. Ein wenig Eskapismus spielt also auch hinein.

Kommen wir nochmals zu Ihnen – was sind Ihre Pläne für die Zukunft? - Ich möchte auf jeden Fall mehr Oper machen. Mein Schwerpunkt liegt nun schon so lange im Symphonischen, ich würde ihn gerne etwas verlagern. - Gibt es Orchester, mit denen Sie gerne arbeiten würden? - Wenn Sie mich fragen, ob ich von irgendwelchen Orchestern träume – nein. Das Wesentlichste ist es für mich, einen Draht zu den Musikern zu finden. Wenn das nicht gelingt, spielt es keine Rolle, wie berühmt ein Orchester ist. Es ist unbefriedigend.

Wenn Sie nach vorne blicken und sich mit 90 betrachten – was würde Sie am meisten befriedigen, erreicht zu haben? - Manchmal denke ich, ich werde mit 65 in Pension gehen – so wie alle anderen. Ins Konzert nur mehr als Zuhörer und ansonsten den Lebensabend genießen. Doch dann sehe ich Kollegen wie Herbert Blomstedt, der heuer 90 wird und immer noch mit kindlichem Vergnügen stetig Neues in den Partituren entdeckt. Dann denke ich – vielleicht mache ich doch einfach weiter, so lange es eben irgendwie geht. Vielleicht komme ich einmal an einen Punkt – mit 70 oder so – wo ich mir denke, so, jetzt weißt du genug, um ein guter Dirigent zu sein. Wir werden sehen, wohin es von dort aus geht.

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