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Auf dem Weg des Meisters zum Meisterwerk

Verfasser: Winfried Schendel Zürich, 30.05.2011, 19:35 Uhr
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Rawat Gokuldas auf einem Jagdausflug, v. Bagta,datiert 1808
Rawat Gokuldas auf einem Jagdausflug, v. Bagta,datiert 1808  Bild: © Trustees, Chhatrapati Shivaji Maharaj Vastu Sangrahalaya, Mumbai (Formerly Prince of Wales Museum of Western India)

Zürich [ENA] Acht Jahrhunderte indische Malerei, etwa 240 Meisterwerke von über 40 Künstlern. Zum ersten Mal setzt sich eine Ausstellung umfassend mit der Geschichte der indischen Malerei auseinander. Interessant ist, dass sie die Maler durchgehend als Individuen in den Mittelpunkt ihrer Betrachtung rückt.

Schon 1992 hat das Züricher Museum Rietberg in der erfolgreichen Ausstellung über die «Pahari-Meister», die größten Maler der gleichnamigen nordindischen Region aus ihrer vermeintlichen Anonymität gehoben und als künstlerische Individuen durch ihr Œuvre präsentiert. Neunzehn Jahre später ist die Zeit reif, die achthundertjährige Schaffenszeit (1100 - 1900) der indischen Maler aus sämtlichen Regionen des Subkontinents zu würdigen. Bisher beschränkten sich große Ausstellungen über die indische Malerei meist auf bestimmte Orte, Perioden oder Themen. Dieser gängige Ansatz zeigt, dass die indischen Künstler meist im Schatten ihrer Werke standen.

Der Produktionskontext ihrer Bilder, wie Auftraggeber, Ikonografie sowie örtliche und religiöse Traditionen überwogen. Eine jahrzehntelange akribische Forschungsarbeit ist dieser Ausstellung vorausgegangen. Zur Identifikation einzelner Künstler wurden mikroskopisch kleine Signaturen entdeckt, Land- und Pilgerregister nach Künstlernamen und Künstler - Genealogien ermittelt und systematischen sowie stilistischen Vergleichen unterzogen. Die bisherige Quellenlage erwies sich als nicht sehr ergiebig. Es fehlen in der indischen Kunstgeschichte, wie zum Beispiel Vasaris Biografien über die europäischen Renaissance-Künstler, vergleichbare Werke.

Bis auf einige Ausnahmen sind die Informationen zu Künstlern und Künstlerfamilien in der Regel sehr lückenhaft. In einer wahren Sisyphusarbeit war es trotzdem möglich die künstlerischen Wege und Entwicklungen einzelner Meister zu rekonstruieren. Diese Aspekte stehen im Mittelpunkt der Ausstellung. Wechselnde Auftraggeber und andere künstlerische Impulse prägten die stilistische Entwicklung des Künstlers und werden in dieser Auswahl sichtbar. Der künstlerische Werdegang jedes Malers wird mit drei bis zehn repräsentativen Werken veranschaulicht. Eine zentrale Rolle nimmt im Ausstellungskonzept auch der Vergleich ganzer Künstlerfamilien oder zeitgleich arbeitender Künstler ein.

Betrachtet man zum Beispiel die Entwicklung der beiden Brüder Manaku und Nainsukh, die beide in der väterlichen Werkstatt in Guler ausgebildet wurden, zeigen sich interessante Unterschiede. Während Manaku dem traditionellen Malstil seines Vaters verpflichtet blieb, entwickelte Nainsukh eine unverkennbar eigene Bildsprache, die sich besonders durch den Einsatz neuer naturalistischer Mittel auszeichnete. Auf der Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten entwickelten die Maler ihre Fertigkeiten weiter. Besonders prägend in ihrer künstlerischen Entwicklung war der Einfluss fremder Kulturen. So sind neben der individuellen künstlerischen Entwicklung, auch die Entfernungen die einzelne Meister zurückgelegt haben, beeindruckend.

Farrukh Beg wurde im zentralasiatischen Khorasan ausgebildet und arbeitete anschließend in Kabul, Lahore, Bijapur und Agra. Der prominente Emigrant und Künstler legte also Strecken von mehreren tausend Kilometern zurück. Ein Grund für diese Rastlosigkeit war meist die Suche nach einem Mäzen, der seine künstlerischen Vorstellungen finanzieren sollte. Individuelles Arbeiten wie diejenige Farrukh Begs, war jedoch insbesondere an großen Werkstätten nur in Einzelfällen möglich, meist war der stilistische Kontext festgelegt und der Künstler war in seinen Ausdrucksmöglichkeiten eingeschränkt. Besonders deutlich zeigt sich das in den Arbeiten Bagtas und seines Sohnes Chokha.

In einer großen Werkstatt ausgebildet, zogen sie an einen kleinen Hof und ihr Stil wandelte sich schlagartig. Es war wie eine kreative Initialzündung die sich mit einem Schlag von den bisher herrschenden stilistischen Vorgaben befreite. Mehr als 40 Künstler stehen im Zentrum der Ausstellung. Die frühesten Ausstellungsstücke sind illustrierte Handschriften aus dem 12. Jahrhundert, die spätesten Werke vom Beginn des 20. Jahrhundert sind großformatige Malereien aus Udaipur, in denen sich der Einfluss der Fotografie bemerkbar macht. Die Ausstellung zeugt vom Austausch der Künstler untereinander. Bildthemen und Kompositionen wurden ausgetauscht, verfeinert und weiterentwickelt.

Quer durch den Subkontinent, zwischen den Höfen des Vor-Himalayas bis zu den Ateliers im südlichen Teil Indiens gab es einen befruchtenden künstlerischen Austausch. Den wohl wichtigsten Impuls stellten die Maler dar, welche in Persien ausgebildet und von den Groß -Moguln nach Indien eingeladen wurden. Unterschiedliche Konzepte wurden in einer für die Künste äußerst fruchtbaren Umgebung ausgetauscht und belebt. Später kursierten auch europäische Bilder, insbesondere allegorische oder christliche Stiche unter den Künstlern und wurden unterschiedlich aufgenommen. Besonders die Auseinandersetzung mit westlichen Maltechniken - besonders die perspektivische Darstellung - faszinierte und inspirierte zahlreiche Künstler.

Indien vermittelt durch seine Liebe zur bildlichen Kunst und einer unglaublichen Hingabe zum Detail und zur feinsten Ausarbeitung auch nebensächlich erscheinender Motive, dem Betrachter einen ästhetischen Augenschmaus. Auch wenn sich ein Vergleich zu westlichen Malern verbietet, so brauchen sich die Werke indischer Künstler was technische Raffinesse, Farbempfinden und kompositionelle Erfindungsgabe angeht, nicht zu verstecken. Noch bis zum 21. August 2011 ist die Ausstellung im Rietberg Museum Zürich zu sehen.

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