Dienstag, 12.12.2017 22:50 Uhr

Münchner Medientage 2017: VR, KI, 5G und Blockchain

Verantwortlicher Autor: Gerhard Bachleitner München, 02.11.2017, 22:18 Uhr
Kommentar: +++ Internet und Technik +++ Bericht 5340x gelesen
Schaukel in der
Schaukel in der "Immersive Media Area" für einen virtuellen Flug mit dem Gleitschirm  Bild: Medientage München

München [ENA] Die 31. Münchner Medientage präsentierten sich unter neuer Leitung in neuer Optik und mit aktualisierten Schwerpunkten. Das Thema Virtuelle Realität ist weiter gewachsen und wurde nun in einer "Immersive Media Area" und einem "Immersive Media Day" ausgestellt.

Der Markt ist in Bewegung gekommen und deckt nun schon die ganze Bandbreite von ehrgeizigen Prestigeprojekten bis zu mit leichter Hand aufgesetzten Gelegenheitsarbeiten ab. So präsentierte uns VR-Nachwuchs einen Bierwettbewerb auf dem Oktoberfest mit zwar recht grob polygonen Figuren, aber doch schon einem Greifmechanismus zum Maßkrughenkel und der gyroskopischen Erfassung der Trinkbewegung. In einer echten Schaukel konnte man einen Gleitschirmflug in 360-Grad-Sicht um das winterliche Nebelhorn machen.

Kulturelle Inhalte finden allmählich auch den Weg in die Virtuelle Realität. Der WDR hat den Kölner Dom virtuell begehbar gemacht und dabei einschlägige Erfahrungen gesammelt. Man kann sich nicht auf eine herkömmliche Erzähldramaturgie beschränken, muß auch zumeist ohne Text auskommen, hat ein sehr rasches Entwicklungstempo bei Hard- und Software zu bewältigen und muß die Distribution neu organisieren. Thomas Hallet, der hier referierte, gab zu, daß eine so große Anstalt wie der WDR nicht leicht in Bewegung zu bringen sei und das neue Medium auch einen gewissen Kontrollverlust für die Medienmacher mit sich bringe.

Andererseits seien VR-Inhalte vielseitiger als lineare Inhalte einsetzbar. Beim Dom habe man auch photogrammetrische Vorlagen benutzt, konnte also Fahrten durch genau vermessene Photographien simulieren. Lutz Knappmann berichtete namens der Süddeutschen Zeitung von deren Projekten, einer Orchesterprobe mit den Philharmonikern, einer Minia-Tour durch eine große Modelleisenbahn in Hamburg, einer virtuellen Fahrt durch die Bahnhöfe der geplanten zweiten S-Bahn-Stammstrecke in München, einer Fahrt über den Nürburgring etc.

Maik Herrmann widmete sich als Werbetreibender von Pixelpark bereits der Frage, wie man in einer augmentierten Realität, die vermutlich alle bespielbaren Flächen mit virtuellen Plakaten zupflastern wird, mit Werbeblockern fertig werden könnte. Seiner Lösung - Werbung muß zum Inhalt werden - können wir mit Gelassenheit entgegensehen. Recht gegenwartsnah sah dagegen eine Anwendung aus, die Kristian Kerkhoff, Demodern, für Ikea hergestellt hat, ein Möbelkonfigurator für die eigenen vier Wände mit automatisch generierter Bestelliste für die ausgewählten Objekte.

AR sei insofern nützlicher und wichtiger als VR, und offensichtlich ließen sich gewerbliche Anwendungen ("B2B") auch leichter monetarisieren als VR für den Endnutzer. Die Deutsche Bahn setzt, wie Goran Minov berichtete, VR bei der Mitarbeiterschulung ein, etwa bei der Einführung des ICE 4. Für kindliche Fahrgäste gibt es eine 360-Grad-App "Der kleine ICE und seine Freunde".

Wie weit ist die Hardware? - Microsofts Hololens

Im professionellen Bereich angesiedelt, nicht zuletzt aufgrund des vierstelligen Preises, ist Microsofts Hololens, die Michael Zawrel in einem Referat und in individuellen Präsentationen erklärte. Hauptzweck ist die Anreicherung der Realität, im Jargon: AR, hier also die holographische Projektion beliebiger Gegenstände in den realen Raum. Sie können dort auch verankert werden und lassen sich von allen Seiten betrachten. Vorab wird der Raum mit Infrarotstrahlen und einem Tiefensensor dreidimensional vermessen und als eine Art Drahtgitter abgespeichert. Zur Steuerung der jeweiligen Anwendung sind einige Kacheln in der bekannten Windows10-Optik vorgesehen und drei Gesten definiert.

Einige Kritiker werden sich über das unverkennbar von Windows inspirierte Bedienkonzept mokieren, weil darin die alte Architektur aus Tastatur und Bildschirm spürbar ist, aber das muß man für keinen Nachteil halten. Sie verleiht dem Benutzer die Sicherheit, daß er es noch immer mit logisch nachvollziehbarer Software zu tun hat, deren Möglichkeiten er sich auch intuitiv aneignen kann. Bei den im Vordergrund stehenden gewerblichen Anwendung ist solche Ergonomie unerläßlich, beispielsweise einer Lernsoftware für Medizinstudenten, die ein menschliches Herz in Aktion und in verschiedenen Krankheitszuständen studieren können.

Auch der Einsatz bei realen Operationen wird schon erprobt, doch muß dort noch eine Lösung für das Problem gefunden werden, daß die Brille mit herkömmlichen Verfahren nicht sterilisierbar ist. Die Bildqualität ist erstaunlich gut, was daran liegt, daß hier keine im Raster angeordneten LCD-Pixel verwendet werden, sondern eine aufwendige Projektion in die Brillenoptik stattfindet. Das Bildfenster ist aber vergleichsweise schmal und die Paßform der Brille noch nicht optimal. Der Ton wird als objektorientiertes Audio erzeugt und als virtueller Raumklang über zwei Kopfhörer im Brillenbügel abgestrahlt.

Künstliche und künstlerische Intelligenz

Mutig wurde ein eher abstraktes Thema angegangen, das zwar noch nicht unmittelbar medialen Ausdruck findet, aber im Hinter- und Untergrund steuert und sich anschickt, die schöpferischen Fähigkeiten des Menschen zu adaptieren: " Können Maschinen kreativ sein – Wohin steuert die künstliche Intelligenz?" Dr. Bernd Flessner, Zukunftsforscher und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentralinstitut für Wissenschaftsreflexion und Schlüsselqualifikationen (ZiWiS), machte auf die Leistungen von KI in den verschiedenen Kunstgattungen, Literatur, Musik, Bildende Kunst, aufmerksam. Von dort aus gesehen erschien ihm der Mensch nurmehr als "biochemischer Algorithmus".

In der Tat verändert sich der Horizont, wenn man solche Techniken in ihren gesellschaftlichen Auswirkungen zu bewerten sucht. Es handelt sich nicht darum, daß eine neue Technik eine vorhandene Lebenswelt lediglich um eine neue Funktion bereichert; vielmehr baut sich das System aus Lebenswelt und Technik insgesamt um. Facebook sei keine technische Innovation, sondern eine soziokulturelle Erfindung, betonte Flessner, und KI werde dies ebenso sein. Insofern sei das hiesige und derzeitige politische Desinteresse an dieser wichtigen und unvermeidlichen anthropologischen Erweiterung unverantwortlich.

Blockchain - der im Hintergrund lauernde Drache

Eine ebenfalls avancierte Technik fand den Weg ins Kongreßprogramm, die Blockchain, deren Chancen erst ansatzweise erkennbar sind. Vor allem hierzulande braucht es offenbar Nachhilfe, weil wieder alle Anstöße aus dem Ausland kommen. In diesem Falle war es der russische "Visionär" und Investor Alexander Shulgin, der zwar seine visionäre Kraft spüren ließ, den vermutlich wenig informierten Zuhörern aber mit seinem Mangel an Systematik keinen guten Dienst erwies. Vielleicht hat er Deutschland und die EU ohnehin schon abgeschrieben, denn als Hauptakteure nannte er China, Rußland und die Schweiz. Seine Mahnung am Ende klang jedenfalls wie ein Abgesang: "lassen Sie (wenigstens) Ihre Kinder auf den letzten Zug aufspringen."

Das Haupthindernis ist natürlich: Ordnung, institutionalisiert in einer Gesetzgebung, die per se Bestandssicherung und Besitzstandswahrung betreibt. Wenn Shulgin "Ordnung" sagt, schwingt bei dem an Chaos gewöhnten Russen auch gleich die Geringschätzung dieses westeuropäischen Luxus der Selbstbehinderung mit. Der essentielle Vorteil der Blockchain, Vertrauen und die bisher darauf gebauten Berufe und Güter durch Technik zu substituieren, macht viele Intermediäre überflüssig. Die Währung Bitcoin ist als sinnfälliges Beispiel vielen bekannt: sie ist gemünztes Vertrauen. Eine digitale Rechteverwaltung bei der Mediendistribution ermöglicht einen direkten Bezug vom Urheber zum Konsumenten.

Smart Contracts, also rechtssicher konfigurierte Verträge, ersetzen Vertrauensinstitutionen und -personen. Das Konzept bewirkt also Dezentralisierung, Beseitigung der Intermediäre, Sicherung der persönlichen Anonymität bei Erhalt der Zurechenbarkeit und Transparenz der Transaktionen. Daß Shulgin einer sehr freizügigen Datenverwendung das Wort redete und Data Mining geradezu als Bindeglied zwischen der technischen und der sozialen Welt verstehen wollte, steht auf einem anderen Blatt. Auch die exorbitanten Energiekosten für die dezentrale Aufrechterhaltung der Blockchain und der Erzeugung der Schlüssel erwähnte er nur beiläufig.

Ein Visionär mag allerdings über solche Kleinigkeiten hinwegsehen, denn entscheidend ist ja nicht die derzeitige Ausformung des technisch implementierten Vertrauens, die sich jederzeit ändern könnte, sondern der Übergang des Vertrauens in die Technik. Daher legte Shulgin Wert auf die Feststellung, daß es hier nicht um eine einfache Transformation, sondern um eine Metamorphose gehe. Der jetzige Umbau der Gesellschaft ist schon als Industrie 4.0 unzureichend und rückwärtsgewandt beschrieben.

Tatsächlich werden Industrie und Dienstleistungsgewerbe nicht so bleiben, wenn sie der digitalen Aggregation der Nachfrage in 'sozialen Netzwerken' ausgesetzt werden: wenn die Hotellerie durch Airbnb und die Taxibranche durch Uber Konkurrenz erhält und die etablierte Presse der Meinungsbildung bei Facebook hinterherlaufen muß, treten bereits heftige Konflikte auf, die bei weitem nicht durchgestanden und aufgearbeitet sind. Da hat man keine Zeit, auch schon die dahinter lauernde "Bedrohung" durch die Blockchain in den Blick zu nehmen und zu gestalten.

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