Dienstag, 12.12.2017 22:50 Uhr

Münchner Medientage 2017: Media - Trust - Machines

Verantwortlicher Autor: Gerhard Bachleitner München, 02.11.2017, 21:24 Uhr
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Blick in die Ausstellung der Münchner Medientage
Blick in die Ausstellung der Münchner Medientage  Bild: Medientage München

München [ENA] Die 31. Münchner Medientage fragten nach dem Vertrauen in der neuen Mediengesellschaft, nicht zum ersten Mal, doch Anlaß ist eigentlich jederzeit gegeben. Die Erosion traditioneller Medien und herkömmlicher Geschäftsmodelle beunruhigt die Öffentlichkeit.

Vergleichsweise konventionell ließ sich die seit mehreren Jahren erkennbare Frontlinie im medialen Tagesgeschäft abhandeln, die Konkurrenz zwischen linearen und nonlinearen Medien, oder vielmehr deren Nutzung. Das geschah etwa auf dem TV-Gipfel unter dem Titel "Survival of the Fittest? Der deutsche TV-Markt und die On-Demand-Revolution", bei Sky Media unter der Überschrift "Blackbox OTT-Angebote - Wer schaut wirklich Netflix, Youtube und Co.?", Solon fragte nach der "Zukunft von Video", und Deloitte stellte seine alljährliche Mediennutzungsstudie zur "Zukunft Bewegtbild" vor.

Lineare und nichtlineare Mediennutzung

Die Ergebnisse unterschieden sich nur in Nuancen und nach der Perspektive - ob man das Glas halbleer oder halbvoll betrachten wollte, also ob man als Linearmedienunternehmer das angestammte Geschäft verteidigt und um nichtlineare Distributionsformen ergänzt, oder ob man als Nonlinearunternehmen einen neuen Platz im Markt erobern will. Immerhin ist der Markt in Bewegung geraten und hat auch schon zu ungewohnten Konstellationen geführt. Gebührend gefeiert wurde der erfolgreiche Start der teuersten deutschen Serie "Babylon Berlin", die hälftig von der ARD und Sky produziert wurde, um der amerikanischen Konkurrenz zu begegnen. Auch vor einer Fortsetzung des international erfolgreichen Mehrteilers "Das Boot" schreckt Sky nicht mehr zurück.

Die Telekom sieht sich zwar noch immer hauptsächlich als Inhalteaggregator, unternimmt aber erste Schritte zu Eigenproduktionen, etwa zusammen mit der Bavaria. Dr. Christoph Schneider, Amazon, wiegelte ab, wie nicht anders zu erwarten, und sah ein Videoangebot wie bei Amazon Prime als konviviale Ergänzung zum linearen Fernsehen. Ein Einstieg in deutsche Serienproduktion verbiete sich, weil und so lange deutsche Serien im Ausland als unverkäuflich gelten. Allerdings scheine sich dort die Akzeptanz von Synchronfassungen gerade zu verbessern. Vorhandene "lokale Inhalte" übernehme man durchaus für den einheimischen Markt.

Marc Schröder, RTL, definierte das lineare Fernsehen als Sonderfall des nichtlinearen. Für letzteren hat RTL die Ausspielwege RTL now und Watchbox und hält laut Schröder 85 % des Programms in der Mediathek vor. Auch bei Vox gelingt es, wie Bernd Reichart berichtete, erfolgreiche Sendeinhalte wie den 'Club der roten Bänder' ¬in die nonlineare Zweitverwertung zu "verlängern". Bei Discovery bedient man, wie Susanne Aigner-Drews erwähnte, inzwischen auch Snapchat. Bei Pro7 hat man auch schon den hauseigenen Abrufdienst Maxdome zur Erstauswertung benutzt und erst danach eine Serie ins Hauptprogramm genommen.

Quirin Berg konnte aus erster Hand erzählen, wie es ist, für Netflix zu produzieren, wollte über diesen Angstgegner der deutschen Medienschaffenden aber begreiflicherweise auch nichts Nachteiliges verlautbaren. Daß man keinen Produzentenanteil an den Lizenz(erlös)en sichern konnte, war zu erwarten gewesen. Von der minutiösen Zuschauererforschung, die Netflix mit seinen Abonnenten vornimmt, bekommt allerdings auch der Produzent das Nötige mitgeteilt.

An der Deloitte-Studie amüsierte hauptsächlich die demographische Richtigstellung, die anderen Trendprognosen die statistische Wahrheit entgegenhält: den hohen Anteil der älteren Bevölkerung. Von den vier definierten Haushaltstypen haben die beiden älteren, "Empty Nesters" und "Single Seniors" das stärkste Wachstum. Deren Mediennutzungsverhalten sei naturgemäß konservativ geprägt, obwohl auch bei den Shortform-Inhalten überraschend hohe Anteile in der Nähe von 50 % feststellbar seien. Für alle vier Haushaltstypen, einschließlich der "Young Professionals" und der Familien, sei die Nutzung des linearen Fernsehens immer noch sehr hoch und reiche von 77 bis 97 %.

Notabene muß immer wieder daran erinnert werden, daß nonlineares Fernsehen schon seit Jahrzehnten gängig ist, und zwar ganz ohne spezielle Anbieter mit ausgefeilten Ausforschungsinstrumenten: die Geräte heißen VCR und PVR. Hier disponiert autonom und anonym der Nutzer allein über seinen Inhalt und wird von keinem Verfallsdatum in der Mediathek gejagt und keinen zusätzlichen Geldforderungen belästigt.

DAB - die unendliche Geschichte

Das alljährliche DAB-Requiem speist sich seit längerem aus der Hoffnung auf ein Weiterleben nach dem Wachkoma und blickt stets auf die verheißungsvollen Erfolge, die man im Ausland dank entschlossener Strategie ins Werk zu setzen vermag. Im Vorjahr lautete die Überschrift "Was Deutschland von Europa lernen kann". Diesmal formulierte man geradezu kämpferisch: "Mehr Radio: Chancen nutzen, Marktanteile sichern, Zielgruppen erobern". Dies war natürlich in Richtung der kommerziellen Radiostationen gesagt, deren UKW-Anhaftung das größte Hindernis für die Migration ins Digitalradio war und ist und vom VPRT erst wieder unterstrichen wurde.

Labsal und Trost bot daher der Abgesandte Norwegens, Jörn Jensen, der von der aufsehenerregenden UKW-Abschaltung berichtete. Ja, sie haben es getan, sie haben es erfolgreich getan - und hiesige, mißgünstige Presse hatte nichts anderes im Sinn, als dort angebliche Widerstände festzustellen und Fehlentwicklungen herbeizuschreiben. Auch auf juristischer Ebene werden munter Gegnerschaften ins Werk gesetzt, wie Martin Deitenbeck, Geschäftsführer der Sächsischen Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien (SLM) beiläufig erwähnte.

Vor dem Start des zweiten bundesweiten Multiplexes müssen nämlich erst noch Einsprüche und Klagen vor Gericht erledigt werden, und nur, wenn alles gut läuft, kann dieser Multiplex Mitte nächsten Jahres auf Sendung gehen. Natürlich braucht sich unter solchen Umständen niemand zu wundern, wenn über 20 Jahre nach Beginn des Regelbetriebs DAB noch immer nicht als UKW-Nachfolgesystem etabliert ist. Und natürlich waren sich alle Anwesenden einig, was zu geschehen hat: strategische Planung und Kooperation aller Beteiligten. "Jeder muß ja sagen", formulierte Martin Wagner, BR.

Willi Schreiner, Geschäftsführer Absolut Digital und Antenne Deutschland, redete seinen Mitbewerbern ins Gewissen, agiler zu werden und neue Programmnischen auf dem digitalen Verbreitungsweg zu erkunden. Geld und Hirn seien notwendig, um das Privatradio zu transformieren, und Kreativität sei schon deshalb unerläßlich, um kein Übergewicht des öffentlich-rechtlichen Rundfunks auf DAB entstehen zu lassen. Jensen wollte den konfusen Deutschen Mut machen und nannte einen UKW-Abschalttermin nützlich.

Obgleich man diesem Vorschlag (und Vorbild) nicht widersprechen konnte, wollte sich natürlich kein deutscher Diskussionspartner dazu verstehen. Ein Sturm der Entrüstung würde in der Öffentlichkeit inszeniert und eine Enteignung der Bevölkerung angeprangert. Dabei ging doch gerade eben erst die Migration auf DVB-T2 erstaunlich geräuschlos über die Bühne, und sehr viel höhere Investitionen wurden und werden im Zuge des Umstiegs auf HD-Flachbildschirme und UHD-Geräte von den Verbrauchern getätigt. Da sollten die 25 Euro für ein DAB-Radio eine Zumutung sein?

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