Dienstag, 12.12.2017 22:50 Uhr

Medientage München 2016: Mobile & Me

Verantwortlicher Autor: Gerhard Bachleitner München, 10.11.2016, 22:04 Uhr
Kommentar: +++ Internet und Technik +++ Bericht 4723x gelesen
Themen von 30 Jahren Medientage
Themen von 30 Jahren Medientage  Bild: Veranstalter

München [ENA] Die 30. Medientage München warteten mit einem Glanzlicht auf: Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel erschien persönlich und steuerte einige Anmerkungen und Erwartungen zur medialen und vor allem digitalen Evolution bei. Nichts Neues, aber doch als Akzent in der Debatte registriert.

Transparenz von Suchmaschinenbetreibern und sozialen Netzwerken oder generell Datensparsamkeit zu fordern, ist selbstverständlich legitim und notwendig, läuft aber den einschlägigen Geschäftsmodellen zuwider und wird rasch an den medialen Machtverhältnissen scheitern. Daß nach den Medientagen ein Gericht in München u.a. Mark Zuckerberg von Facebook verklagt hat, wird bei Facebook Schmunzeln oder allenfalls Kopfschütteln ausgelöst haben. Notabene sind diese Machtverhältnisse immer schon stark asymmetrisch: VW und Deutsche Bank werden in den USA erfolgreich verklagt, die amerikanischen Konzerne in Deutschland bleiben jedoch weitgehend unbehelligt.

Auch anders herum betrachtet herrscht Asymmetrie, wie eine Nebenbemerkung des KI-Forschers Prof. Dr. Wolfgang Wahlster im Hauptvortrag klar machte. Sein Deutsches Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz hatte 2007 zusammen mit der Telekom und Siemens einen persönlichen Assistenten ähnlich Apples Siri entwickelt. Die Technik war also da, aber kein Unternehmen mit globalem Anspruch und strategischer Weitsicht - wie so oft in Deutschland. Siemens hatte seine Mobilfunk-Sparte 2005 abgestoßen, als Apples Aufstieg zum Mobiltelefon-Giganten gerade erst begann...

Über das Motto der Medientage konnte man ins Grübeln kommen: "Mobile & Me - Wie das Ich die Medien steuert." Warum sollte Mobilkommunikation ein Faktor meiner Persönlichkeit sein oder werden? Warum soll ausgerechnet in einer Phase exzessiver medialer Fremdbestimmung ein so altmodisches Wesen wie das Ich (wieder) auftreten und gar noch steuernd eingreifen können?, ein Wesen, das lediglich in der Philosophie, also der Gutenberg-Galaxis, allenfalls noch in der Psychoanalyse (als zu entlarvende Illusion) anzutreffen ist. Mit dem besagten Motto war auch eine Einzelveranstaltung überschrieben, in der realistischerweise hauptsächlich die massiven Angriffe auf jenes Ich besprochen wurden.

Die in dem Motto versprochene oder mitgedachte Lösung gab es hingegen nicht, jedenfalls nicht als Rezept, sondern nur als Forderung nach einem "erhöhten Maß an Selbstbestimmung und Medienkompetenz". Dies war zweifellos richtig, und im Analogen gefestigte Charaktere bringen sie wohl auch noch zuverlässig mit, doch wo und wie heute bei den Jüngeren pädagogisch anzusetzen wäre, blieb dahingestellt. Wenn schon die Erwachsenen, die besser wissen müßten, mit welchen Tricks ihnen Begehrlichkeiten und soziale Anerkennungsbedürfnisse suggiert werden, den digitalen Sirenengesängen anheimfallen, wie sollten dann Kinder und Jugendliche zu einem selbstbestimmten Medienverhalten erzogen werden oder gar von sich aus gelangen können?

Oder war das Motto doppelsinnig gemeint?: der Datenextrakt des Ichs wird abgezogen und in die Medienmaschinerie eingespeist, "steuert" also deren Verwertungssystem. Ein weiterer Kurzschluß unterlief dieser Podiumsdiskussion, der symptomatisch für die derzeitige Mediendebatte ist: die Unterstellung, mit einer personalisierten Ansprache, also individueller Adressierung (idealerweise von Werbung) werde das ICH erreicht. Ein Ich, das sich so einfangen ließe, müßte sofort umschalten und erklären: ich bin ein transpersonales Wesen und keinesfalls auf meine medial abfragbaren Interessenbekundungen reduzierbar.

Der digitale Umbruch und das Ende des Papierzeitalters

Die Zeitungsverleger hatten sich auf ihrem Publishing-Gipfel, der einst Print-Gipfel hieß, den Wandel auf ihr Programm gesetzt: "On Structure. On Change". Die Meinungen, wie dieser Wandel tatsächlich aussehen könnte oder müßte, gingen indes auseinander. Andreas Scherer vom Verband Bayerischer Zeitungsverleger verbreitete Optimismus und sah seine Branche auf gutem (Innovations-)Wege, Mathias Müller v. Blumencron von der FAZ plagten heftige Zweifel, und beide hofften auf das Evangelium des zukunftsfähigen Journalismus, das Jeff Jarvis, Professor an der Journalistenschule der Universität New York, mitbringen sollte.

Jarvis ließ das Auditorium auch keinen Augenblick im Unklaren über die Schwere der Bedrohung: "wie man ein neues Haus baut, während das eigene in Flammen steht" lautete seine Metapher. Der Wert papierener Zeitungen sei in seinem Heimatland so stark gesunken, daß sie oft nur noch als Auffangmedium oder Behälter für die Werbeprospekte diene. Daß er noch an seine Branche glaubt, weil er den entsprechenden Beruf auch unterrichtet, leuchtet ein. Bemerkenswert waren indes seine Vorschläge für eine Überlebensstragie im Digitalen, denn sie waren von dem amerikanischen Demokratieverständnis inspiriert, das so krass von dem deutschen abweicht.

Zum einen geht er davon aus, daß sich Leser auch für ihr Medium interessieren und es nötigenfalls (finanziell) unterstützen, um es aufrecht zu erhalten. Zum andern nimmt er die Journalisten in die Pflicht, sich für die allenthalben ausdifferenzierten Gruppen der Gesellschaft zu interessieren und zu deren Sprachrohr zu machen. Gewissermaßen aus der Mitte des Volkes heraus kämen die Themen, welche die Journalisten aufzugreifen hätten und ihnen zugleich die Finanzierungsgrundlage liefern würden. Journalisten sollten den Mund halten und statt dessen der (jeweiligen) Gemeinschaft zuhören und ihr helfen.

Journalistische Recherche und Artikulation, die bislang quasi im Verborgenen stattfinde, träte dadurch auch stärker ins Licht der Öffentlichkeit. "Wir müssen zu den Lesern gehen". Diese Auffassung von Journalismus hat in den USA eine längere Tradition, man denke nur an Truman Capote, der mit seinem Bericht "Kaltblütig" weltberühmt geworden ist. Aus deutscher Perspektive etwas ungnädig betrachtet, spräche man dagegen von einem Zielgruppenjournalismus oder einem Auftragsjournalismus im Dienste aktiver Demokratie (die hierzulande jedoch viel autoritativer und unpersönlicher verfaßt ist).

Auch Jarvis' selbstkritische Feststellung, daß (vielfach ideologisch motivierte) Minderheitenberichterstattung in den etablierten Medien mit Desinteresse für die Belange von Mehrheiten einhergegangen sei, wird in deutschen Ohren unangenehm geklungen haben, hat man doch die Vorwürfe wegen der kölner Sylvesternacht und zeitweise allzu regierungshöriger Berichterstattung seit dem Herbst 2015 noch nicht wirklich bewältigt. Bezeichnenderweise hält Jarvis auch formalistische, im Wesentlichen gesetzgeberische Reaktionen auf das Vordringen der Digitalplattformen in den journalistischen Kosmos nicht für zielführend und mokiert sich etwa über das notorische "Leistungsschutzrecht", mit dem deutsche Verleger Google in die Schranken weisen wollten.

Es helfe nichts, die Plattformen und Aggregatoren erpressen zu wollen. Lieber solle man ein Gespräch herbeiführen, d.h. eine Kooperation anstreben, etwa in dem Sinne, daß man sich die von Google inzwischen akkumulierte Kenntnis einzelner (potenzieller) Leser zu Nutze machen und diese personalisiert ansprechen könne. Für deutsche Ordnungspolitik bliebe ein solcher Vorschlag freilich schwer verdaulich, weil er nicht zuletzt bedeutet, nachträglich auch noch von den datenschutzrechtlich fragwürdigen Praktiken Googles profitieren zu wollen.

Etwas näher an der Technik verhandelte das Panel " Medien und künstliche Intelligenz - Wie sieht die Zukunft aus?" das gleiche Thema. Dort sah man die Medienrevolution mittelfristig durch KI vorangetrieben, durch die das, was wir bislang als von Personen gefütterte und abgefragte Medien kennen, zu einer Schnittstelle zwischen Hirn und Computer, also zu einem "technisch internalisierten Teil unseres Denkens" wird. Jochen Wegner erläuterte, was er bei ZEIT-Online schon probiert hat und womit man noch zu rechnen haben werde. Mit irgend welchen Jobgarantien und krisensicheren Berufsbildern habe man nicht mehr zu rechnen, lautete der schlechte Teil seiner Botschaft.

Er erinnerte an die von Google und anderen eingesetzten Deep-Learning-Konzepte, die nicht zuletzt für die Implementierung des Autonomen Fahrens wichtig werden. In der eigenen Redaktion habe man bereits erfolgreich eine Software zur Herstellung von Zeichnungen eingesetzt, außerdem einen künstlichen Redakteur gebaut, der als Kommentarfilter immerhin schon eine Trefferquote von 75% erreiche. Wegners konstruktive Hinwendung zur Technik, der erfreuliche Teil seiner Botschaft, erinnerte auch an die uralte, mythisch verankerte Tradition der technischen Stellvertretung des Menschen, an seinen Status als Prothesengott. Die prothetische Innovation setzt - so wäre noch hinzuzufügen - die prometheische Hybris nahtlos fort.

Auf gutem Wege

Erfreulichen Zuwachs hatte die begleitende Ausstellung erhalten. Als wichtiger Gerätehersteller war erstmals Samsung vertreten und zeigte die neue Generation HDR-fähiger Fernseher. Auch der Drohnen-Marktführer dji hatte einen Drohnenkäfig aufgebaut und ließ die Metallinsekten fliegen. Vor allem aber lockten unter dem Titel "VR_Now" etliche Stände mit VR-Brillen und boten vielen Besuchern die Gelegenheit, audiovisuelle Immersion zu erfahren. Auch der Mediencampus war neu organisiert und erweitert worden. So zeigten diese Medientage innovativen Elan, standen fühlbar an der Front der medialen Revolution und sind für die nächsten 30 Jahre offenkundig bestens gerüstet.

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