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Medientage München 2016: das30jährige Jubiläum

Verantwortlicher Autor: Gerhard Bachleitner München, 10.11.2016, 22:35 Uhr
Kommentar: +++ Internet und Technik +++ Bericht 6224x gelesen
Die Macher der Medientage und ein Dienstfahrzeug
Die Macher der Medientage und ein Dienstfahrzeug  Bild: Veranstalter

München [ENA] Die Medientage München feierten im Oktober 2016 ihr 30jähriges Jubiläum - mit einem besonders umfangreichen Kongreßprogramm, einem neu konzipierten Eröffnungstag, hochrangigen Gästen und einer vielfältigen Ausstellung. * *

Einst infolge der Einführung des Privatfernsehens in Deutschland ins Leben gerufen, sind seither viele neue Themen dazugekommen - und alte geblieben. Ein Dauerbrenner: Der digitale Umbruch und das - vermeintliche - Ende der linearen Medien Die fast schon rituelle, jedenfalls seit vielen Jahren geführte Diskussion um das voraussehbare oder vermeintliche Ende des linearen Fernsehen fand sehr unterschiedliche Antworten, angefangen mit der seitens einiger Streaming-Anbieter fast kritiklos vorgebrachten Behauptung des erwartbaren und unvermeidlichen Endes über ausbalancierte Analysen bis zu substanzieller Kritik an bestimmten Auswüchsen dieser Entwicklung im Panel des IRT.

Zattoo, vertreten durch Jörg Meyer, machte gewissermaßen das eigene Geschäftsmodell zum Maßstab, im Panel "OTT oder Down to Earth: Kann TV-Streaming eine Alternative zu Kabel-/Sat-/terrestrischem Fernsehempfang sein?" Hier wollte man dem Auditorium einreden, daß es nicht nur modern und 'zeitgeistig', sondern auch zweckmäßig sei, Medieninhalte hinfort nur noch bei den einschlägigen Plattformen einzusammeln.

Dies ist natürlich schon insofern unrealistisch, als mit der steuerähnlich erhobenen Zwangsabgabe der GEZ das lineare Fernsehen insgesamt bereits einmal bezahlt ist und jede Ergänzung ihre Mehrkosten erst unter Beweis stellen muß. Und dies stellt natürlich die Situation gegenüber derjenigen im gelobten Streaming-Land USA auf den Kopf: dort bedeutet ein Netflix-Abo eine erhebliche Verbilligung gegenüber einem traditionellen Kabelanschluß, hierzulande bedeutet es jedoch nutzlose Mehrkosten.

Die von Meyer plakatierten Einwände gegen Streaming wurden im Laufe der Diskussion nicht entkräftet. Olaf Kroll vom schwedischen Zattoo-Konkurrenten Magine stellte als Fortschritt bei seinem Unternehmen heraus, daß man nunmehr auch eine Kuratierung über alle Sender hinweg anbieten könne. Worin aber unterscheidet sich ein kuratiertes Konvolut nonlinearer Inhalte von einem linearen Programm mit Time-Shift oder Aufzeichnungsmöglichkeit?

Im Panel "Freund oder Frenemy? Wie OTT das lineare Fernsehen beeinflusst" hörte sich Kroll auch gleich viel realistischer an, mokierte sich über die publizistische Lust an Revolution und Untergangsszenarien und billigte dem klassischen Fernsehen hinreichend Lebendigkeit zu. Selbst diese moderate Position, nicht zuletzt die Prognose von 30% Streaming-Nutzern beim Fernsehen bis 2020, wurde von den übrigen Diskutanten nicht geteilt. Christoph Mühleib, Astra, hielt sie für übertrieben. Oliver Gades von Applicaster, wo Apps fürs Fernsehen entwickelt werden, monierte zurecht die z.T. äußerst lückenhafte Belieferung der Mediatheken und die Mangelhaftigkeit der Empfehlungsalgorithmen.

Heidi Schmidt, ARD-Online-Koordination, verwies ebenfalls auf Grenzen nonlinearer Nutzung. Nicht alles im Netz Angebotene sei legal, Autorschaften drohten dem Blick zu entschwinden, und eine intensivere nonlineare Nutzung sei schon deshalb nicht zu erwarten, weil Entscheiden ermüdet. In der von Mek-Media veranstalteten Diskussion "TV meets Apps – Neue smarte Geschäftsmodelle erobern den Fernseher" ließ Gerd Weiner Hersteller und industrielle Anwender, Audi und Karstadt, zu Wort kommen.

Kai Hillebrandt von Samsung bemühte sich, der aktuellen Gerätegeneration eine perfekte Bedienbarkeit gerade auch der "over the top" kommenden Inhalte zu attestieren. Daß Hersteller mit Smart-TV Geld verdienen können und daher Video-on-demand-Nutzung fördern, ist keine Überraschung. Was Hillebrandt aber an ergonomischen Details erwähnte, ist eine unliebsame Überraschung. Offenbar sind jetzt auch die Gerätesteller - wie Apple mit der Beseitigung von Kopfhörerbuchse und Escape-Taste und Microsoft mit der unter Kacheln unauffindbar gemachten Windows-Struktur sowie Automobilhersteller mit hermetisch-rätselhaften Bedienoberflächen im PKW - immer mehr bestrebt, vertraute Alltagsgeräte und eben auch Fernseher unbedienbar zu gestalten.

In der Runde des IRT, wo man ja mit HbbTV eine neutrale Infrastruktur ins Internet mit seinen nonlinearen Inhalten geschaffen hat, wurde der Eifer noch weiter gedämpft und das wirkliche Marktgeschehen benannt: "Kampf ums Wohnzimmer – Welche Connected TV-Plattformen machen das Rennen?". Selbst der hier ebenfalls wieder vertretene Meyer mußte zugeben, daß die nichtlineare Zattoo-Nutzung hierzulande nur bei 2 % liegt.

Daß es in der Schweiz 20 sind, liegt - natürlich - wieder an den Rechtsproblemen. Die Programmveranstalter verwiesen auf den nicht unbeträchtlichen Aufwand, den es erfordert, mehrere Plattformen zu bespielen, die OTT-Geräte von Amazon, Google, Apple, Sky, Entertain u.a. Und dies ist - wie man sich gelegentlich klar machen sollte - auch noch eine Vielfalt, die niemandem etwas nützt, sondern nur Folge der egoistischen Interessen der Firmen ist.

Der digitale Umbruch bei DVB-T2 - na ja, ein Encoder-Wechsel

Der Statusbericht des digitalen terrestrischen Fernsehens, genannt DVB-T2 HD, fiel genau in die heiße Phase des Umstieges, denn Ende März nächsten Jahres wird die bisherige Ausstrahlungsnorm abgeschaltet, und die Beteiligten versuchen die Betroffenen mit nicht geringem Werbedruck darauf aufmerksam zu machen und den Neukauf der Geräte anzustoßen. Kerstin Köder, Media-Broadcast/Freenet-TV, stellte den Wechsel allerdings so dar, als ob er regelhaft zu einem Freenet-Abo führen müsse und die Geräte hardwareseitig auch dafür vorbereitet sein müßten. Dies ist jedoch nicht der Fall.

Von Carine Chardon, Dt. TV-Plattform, erfuhren wir indes, daß es im Vorfeld sogar Bestrebungen gegeben habe, einen Netzwerkanschluß obligatorisch zu machen. Nur die damit verbundene merkliche Verteuerung der Geräte bewahrte davor, daß diese Einladung zur Datenspionage Eingang ins Pflichtenheft für das DVB-T2-Logo fand. Wolfgang Breuer, Media-Broadcast-Geschäftsführer, ließ verlauten, daß er bis 2020 mit 2 Mio. Abonnenten rechne.

Der digitale Durchbruch für DAB+ - na ja, ein bißchen

Der alljährliche Bittgottesdienst für DAB, unter der bewährten Leitung des Zelebranten Helmut G. Bauer, stand diesmal unter dem Zerknirschungsmotto "DAB+ International: Was Deutschland von Europa lernen kann". Ganz neu war der Rekurs auf die ausländischen Erfahrungen und Erfolge auch diesmal freilich nicht, doch die früheren Einsichten haben im Inland die Widerstände offenbar nicht durchgreifend bewegt. Willi Schreiner, Digitalradio Deutschland, illustrierte das bundesrepublikanische Nord-Süd-Gefälle bei der DAB-Implementierung mit einschlägigen, um nicht zu sagen sarkastischen Fakten und Beobachtungen.

Verblüffend auch Verlauf und Konfiguration der holländischen DAB-Infrastruktur, die Jaqueline Bierhorst referierte. Obwohl erst 2013 gestartet, sind Sendernetzbetreiber und Radiostationen derart kooperativ vorgegangen, daß man sich auf erfreulichem Expansionskurs befindet und alle Beteiligten zufrieden sind. Auch aus der Schweiz vernahm man sehr Erfreuliches. Marcel Regnotto vom dortigen Bundesamt für Kommunikation, BAKOM, schilderte eine konstruktive und sympathische Synthese von Forderung und Förderung. Auf seiten der bestehenden UKW-Verträge hat man die bisherige Abdeckungspflicht gelockert und vor allem ein Junktim zwischen UKW-Vertragsverlängerung und DAB-Verbreitung eingeführt.

Auf der anderen Seite werden 80% der DAB-Verbreitungskosten vom Staat erstattet, eine Regelung, die ab 2020 degressiv abgebaut wird. Die Branche müsse selbst auf die Füße kommen, meinte Regnotto, und tatsächlich hat der DAB-Empfang in der Schweiz UKW bereits überflügelt. Für England berichtete Steven Parkinson von einer ebenfalls erfolgreichen Gleichzeitigkeit von Zusammenarbeit - bei technisch-strukturellen Belangen - und Konkurrenz - bei den Inhalten - zwischen privatem und öffentlich-rechtlichem Hörfunk. Die Privatradiostationen - die hierzulande ja vielfach als Migrationsunwillige auftreten - haben dort im Marktanteil inzwischen die BBC übertroffen.

Außerdem habe man es, durch eine kleine gesetzliche Regelung, geschafft, daß 85% der Neuwagen mit DAB ausgestattet sind - welch ein Kontrast zu den armseligen paar Prozentpunkten, welche die unwillige deutsche Automobilindustrie hierzulande auf den Weg gebracht, oder vielmehr duldend bewilligt hat. All die aus dem Ausland vorgetragenen Maßnahmen hätten vor 20 Jahren auch schon hier zu Lande ins Werk gesetzt werden können, aber föderale, administrative Selbstblockade hat sich den Luxus jahrzehntelanger Verschleppung geleistet, und man wird sogar noch von Glück reden können, wenn das Mutterland von DAB nun kurz vor knapp doch noch aus dem Ausland gewissermaßen missioniert werden sollte.

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