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IFA 2016 in Berlin: Weiße Ware

Verantwortlicher Autor: Gerhard Bachleitner München, 25.09.2016, 21:08 Uhr
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Das Smart-Home-Konzept bei Bosch
Das Smart-Home-Konzept bei Bosch  Bild: G. Bachleitner

München [ENA] Anfang September 2016 zeigten in Berlin die Hersteller von Haushaltsgeräten ihre neuen Kollektionen, deren Modernität inzwischen immer mehr an ihrer Internetaffinität, also ihrer Netzwerktauglichkeit gemessen wird - ob zu Recht, ist allerdings die Frage.

Die Weiße Ware wird man je nach Blickwinkel als Kuriositätenkabinett oder als steiniges Innovationsterrain wahrnehmen. Als Testfeld für das Internet der Dinge eignen sich Küche und Waschküche nur bedingt. In den vergangenen Jahren wurden gerne auch Stromsparexzesse zelebriert, doch weil man ohne Wärme weder kochen, noch ohne Wasser waschen kann (obwohl auch das schon versucht wurde) und ohne Saugleistung auch nicht Staubsaugen kann, normalisieren sich Proportionen offenbar allmählich wieder. Jedenfalls ließ Dr. R. Zinkann, Miele, eine Bemerkung fallen, die signalisierte, daß man mit der Optimierung ans Ende des physikalisch Möglichen gelangt sei oder bald gelangen werde.

Was statt dessen als Innovationsindikator ausgerufen wurde, schien freilich nicht immer überzeugend. Daß nun auch Miele ein Konzept gefunden hat (natürlich auch an den Patenten von Dyson vorbei), einen beutellosen Staubsauger zu bauen, nachdem man das Prinzip bisher für unzulänglich gehalten hatte, mag ein wichtiger Fortschritt für Miele sein. Für den Markt wird eher die von der EU auferlegte Saugleistungsbeschränkung eine Rolle spielen.

Einschließungsstrategien

Die bisher schon bei Wasch- und Spülmaschinen verwendeten Dosierautomatiken erhalten bei Siemens, Bosch, Miele u.a. eine weiterführende Funktion - in einem ganz wörtlichen Sinne: sie führen weiter ins Netz zu einer automatisierten Bestellung des Reinigungsmittels. Man muß hier nicht einmal an den von Amazon gerade ein-geführten, berüchtigten "Dash"-Knopf denken, der das Konsumgefängnis um ein weiteres Stück ausbruchssicherer machen soll und demzufolge inzwischen auch zu Recht zum Gegenstand eines deutschen Gerichtsverfahrens gemacht wurde.

Der Zweck der angeblich der Bequemlichkeit dienenden Waschmittelbestellfunktion ist doch zu offensichtlich die Einschließung des Kunden in ein proprietäres "Ökosystem" und die Ausschließung von Wettbewerb - denn natürlich wird nur das Waschmittel des Vertragspartners bestellt. Miele fängt sogar an, Kaffeebohnen unter eigenem Namen zu lizensieren, als "Black Edition Nr. 1".

Das margensteigernde Prinzip ist seit langem hinlänglich bekannt: von den Kaffee-Pads, Reinigungsflüssigkeit für Elektrorasierer, Druckertinte, Kamera- und Telefonakkus, der Firma Apple insgesamt, mit ihrem fortdauernden Kampf gegen offene Schnittstellen etc. Auch die Originalersatzteilpolitik von Autoherstellern in Zusammenarbeit mit Vertragshändlern verfolgt dieses Prinzip und wird jetzt auf die Weiße Ware übertragen: "die Zubehör- oder Ersatzteilbestellung funktioniert online reibungsloser denn je. Im Falle eines Defekts besteht sogar die Möglichkeit der Ferndiagnose", heißt es bei Bosch. Hier zeigt sich der eigentliche Zweck der Vernetzung: das Endgerät soll unter die Kontrolle des Herstellers gebracht werden.

Solches Vorgehen ist, unter dem Aspekt der Marge betrachtet, sicherlich viel lustiger als das Bemühen, sich als Branche vielleicht einmal auf einen E-Home-Standard zu einigen. Dieser wurde jedenfalls auch auf dieser IFA nicht am Horizont sichtbar. Statt dessen wird offenbar das jeweilige proprietäre Umfeld nobilitiert und mystifiziert. So wird etwa bei Siemens etwas so Simples, wenn auch keineswegs Triviales wie die Protokollharmonisierung (innerhalb von "Home Connect") zum "seamless life" stilisiert, das einem "concept of flow" folgen will/soll.

Dieses Konzept wird zwar mit einer soziologischen Studie von Goldsmiths von der Universität London hinterlegt, die aber nur feststellt, "dass die Mehrheit der Menschen nach einem Leben strebt, in dem alles makellos integriert verläuft und Freiraum geschaffen wird." Was dies mit einer vernetzten Küche zu tun hat, wäre erst noch zu beweisen. Das Versprechen, die Heimvernetzung würde Komplexität reduzieren und Bequemlichkeit erhöhen, scheitert, genau besehen, an einem inhärenten Widerspruch.

Gleichzeitig wird nämlich behauptet, daß vernetzte Geräte mehr Kontrolle verschafften und neue Möglichkeiten/Funktionen eröffneten - was unvermeidlich die Komplexität steigert. Wohlwollend kommentiert: die Hersteller liefern sowohl das Problem, wie auch seine Lösung; sarkastischer kommentiert: die Hersteller liefern für Scheinprobleme Scheinlösungen. *

Innovationen - wie und warum Neues in die Welt kommt

Beim Kochen fahren die Hersteller seltsam zweigleisig. Einerseits wird die Dunstabzugsfunktion bereits in die Kochfläche eingebaut und muß mit allerlei Vorrichtungen vor überlaufenden Flüssigkeiten, Hitze etc. geschützt werden. Andererseits erhalten die in Kopfhöhe montierten Abzugshauben ein völlig neues, sozusagen atypisches Aussehen. Laut Bosch wird damit auf die moderne Innenarchitektur reagiert. Tatsächlich hängt jetzt jetzt rechteckiges schwarzes Glas an der Wand, das auf den ersten Blick einem Fernsehbildschirm sehr ähnlich sieht.

Das Design bekommt - akademisch formuliert - eine paradoxale Aufgabe einbeschrieben. Einerseits lautet die Aufgabe "Lüften wird emotional"! Andererseits will die "Struktur aus hochwertigen, präzise verarbeiteten Glasflächen" an "Gemälde der klassischen Moderne" erinnern - die aber eigentlich nicht für besondere Emotionalität bekannt geworden ist - und so die "Monotonie nüchterner Haubenformen auf[brechen]".

Als Krone der Vernetzung wird jetzt angepriesen, daß der Herd die darüberhängende Dunstabzugshaube über seine Aktivitäten informiert. Bisher waren freilich die Dunst-abzugsgeräte schon schlau genug, den Dunst richtig wahrzunehmen. Und wie will der Herd wissen, ob der Topf mit einem Deckel abgedeckt ist oder nicht? Für die Dampfentwicklung macht dies zweifellos einen großen Unterschied.

Die Variante des eingebauten Dunstabzugs erfordert einen starken Ansaugdruck und treibt die Anschlußleistung des Herdes weiter in die Höhe. Der "kleine" Siemens iQ700 inductionAir braucht schon über 7 kW, die große 90 cm-Induktions-Kochstelle will mit 10,8 kW bedient werden. Angesichts solcher Exzesse, die nicht zufällig an die spritfressenden SUVs bei den Automobilen erinnern, ist ehrlicherweise von strom-sparenden Haushaltsgeräten nicht mehr die Rede.

Daß man zur Verderbnis vermeidenden Lebensmittelüberwachung im Kühlschrank heutzutage eine oder zwei internetfähige Kameras mit automatischer Bilderfassung braucht, wirkt vergleichsweise harmlos. Und daß man neuerdings in der Spülmaschine eine Beleuchtung braucht - als ob Küchen üblicherweise über keine Allgemeinbeleuchtung verfügten -, mag man als Spielerei durchgehen lassen. Wenn dann auch noch wählbar wird, welche Hintergrundbeleuchtungsfarbe die Dunstabzugshaube anzeigen möge, weiß man: so sieht richtige Innovation aus.

Fast auf gleichem Niveau darf man die Erkenntnis von AEG ansiedeln, weiches Wasser erleichtere den Waschvorgang. Um das Wasser zu enthärten, wird also ein "Softwater"-Prozeß vorgeschaltet. Samsung hat ein ähnlich überraschendes Problem entdeckt: das vergessene Wäschestück. Nachträglich soll man also in einen laufenden Waschgang einzelne Textilien über eine separate Klappe nachreichen können. "Addwash" nennt sich diese Option - die zu Zeiten von Topladern unnötig war, und selbst heutige Frontlader erlauben durchaus noch unter bestimmten baulichen und prozeduralen Voraussetzungen die Öffnung des Bullauges während des Waschgangs.

Eher in strategischer Hinsicht problematisch scheint eine Entwicklung zu sein, die Bosch-Siemens unter dem Namen „Mykie“ betreiben - was an "My kitchen" erinnern soll. Dieser "persönliche Assistent" wird als dialogfähiges, also spracherkennendes und sprachlich antwortendes System konzipiert - und ist unter dem Namen Echo von Amazon mittlerweile auch hierzulande käuflich. Man kann also nur hoffen, daß die deutschen Konzernstrategen rechtzeitig die Notbremse ziehen, nicht, daß man der digitalen Kolonialmacht das Feld kampflos räumen sollte, doch vielleicht aus der Einsicht, daß der Horizont der eigenen Branche keine universelle Lösung hergibt, wie sie jetzt - leider - schon vorliegt.

Wie vorsichtig man derartige Expansionen ins Werk setzen sollte, zeigt sich bereits eine Ebene unter diesem Assistenzsystem. Bei Bosch geht man jetzt etwas energischer in die Hausautomation und bietet eine Grundausstattung aus Heizungssteuerung, Bewegungs- und Rauchmelder, Überwachungskamera innen und außen, Funksteckdosen und einer Software mit "Scenario-Manager" an. Das alles konnte man auch bisher schon von verschiedensten Anbietern preisgünstig im Baumarkt kaufen. Welchen Unterschied macht Bosch geltend? Die als Zwischenstecker bezeichnete Funksteckdose kostet bei Bosch knapp 60 Euro, bei RWE kostet ein solches Gerät knapp 30.

RWE Smart Home war auf der IFA mit der neuen Tochterfirma Innogy vertreten, die ebenfalls ein Sortiment für Hausautomation mit eigener Software vorstellte. Aus wieder einer anderen Ecke kommen Firmen wie Digitalstrom, Coqon und Tado, die ebenfalls ihr erweitertes Angebot zeigten. So wird also der Anwender aus den verschiedensten Richtungen aufs Korn genommen, muß sich einen Überblick über die jeweilige Angebotstiefe, Flexibilität und Interoperabilität verschaffen, müßte im Grunde auf Jahre hinaus den eigenen Lebensstil in Bezug auf seine Wohnverhältnisse extrapolieren und durchkalkulieren - und wird am Ende wohl zumeist erschöpft aufgeben.

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