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IFA 2016 in Berlin - Streifzug durch die Hallen

Verantwortlicher Autor: Gerhard Bachleitner München, 25.09.2016, 21:12 Uhr
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Berliner Bärchen aus dem 3-D-Drucker - auch das gab's auf der IFA zu sehen
Berliner Bärchen aus dem 3-D-Drucker - auch das gab's auf der IFA zu sehen  Bild: G. Bachleitner

München [ENA] Größer und umsatzstärker denn je - 4,5 Mrd. Euro Ordervolumen - präsentierte sich 2016 die IFA in Berlin, mit einem zusätzlichen Standort in der Innenstadt Innenstadt für die IFA Global Markets, erweitertem Sortiment und erneut gewachsener Medienresonanz.

Das Modethema VR wurde von allen wichtigen Herstellern aufgegriffen, und lange Schlangen von Neugierigen bildeten sich vor den entsprechenden Probeplätzen bei Samsung, Sony etc. Natürlich gab es in der Virtuellen Realität physische Herausforderungen zu bestehen, und zarteren Gemütern mochte klar werden, daß man sich freiwillig nicht zu lange diesen zugespielten Gefahren aussetzen wollte. Inhaltlich ist man noch nicht weit über Jahrmarktssensationen hinausgekommen, wie die Kinematographie vor 120 Jahren. Aber auch, wenn man ruhigere Inhalte zu sehen bekam, blieb doch eine auffällige Diskrepanz zu bewältigen: der Kontrollmonitor zeigte ein wunderschönes UHD-Bild, doch in der Brille konnte man die groben Pixel zählen.

Etliche Generationen an Auflösungsverbesserung von Bildschirmen muß man zurückspringen und fühlt sich an frühe Heimcomputer der 80er Jahre erinnert. Derzeit versuchen die Hersteller den Kompromiß zwischen Latenz und Auflösung zugunsten der ersteren zu bestimmen. So lange aber keine überzeugenden fiktionalen und nichtfiktionalen Inhalte in nennenswertem Umfang vorliegen (wobei die Spielebranche naturgemäß das beste Angebot hat), wird sich wohl kein Massen-publikum für diese Technik finden, zumal zu den heutigen, recht beträchtlichen Kosten.

Firmen im Streiflicht

Philips kehrt, zum 125ten Gründungsjubiläum, offenbar nicht ungern zu seinen Wurzeln zurück: Lampen und Gesundheitsgeräte werden hingebungsvoll auf der Pressekonferenz zelebriert. Die Illumination von Fernsehgeräten und Wohnungen scheint außerordentlich wichtig zu sein. Körperpflege wird als "connected care" interpretiert - kein Zweifel: Gesundheit wird vergesellschaftet. Panasonic kapriziert sich unter Leitung des Franzosen Laurent Abadie (dessen Englisch auch nach vielen Jahren Konzernleitung Europa nicht besser geworden ist) ein weiteres Mal auf Modellstädte nach dem Smart-City-Prinzip. Digitalisierung erscheint als Lösung der Weltprobleme, und energetisch wäre es die Wasserstoffgesellschaft

Zwar warten wir schon seit einigen Jahrzehnten auf die Erfüllung dieser Prognosen, aber jetzt kündigt Panasonic die Einrichtung eines smarten Stadtviertels vor unseren Augen in Berlin-Adlershof an. Es wird spannend zu sehen sein, mit welchen typisch deutschen Restriktionen seine Bewohner werden leben müssen, da das Konzept der japanischen Modellstadt Fujisawa mit seiner ungebrochenen Affirmation von Autarkie (Einfamilienhäuser) und Automobilität für ökologisch befrachtete deutsche Städteplaner zweifellos nicht akzeptabel sein wird.

Metz scheint auf gutem Wege. Unter dem neuen Firmendach Skyworth wurden klug konzipierte OLED-Fernseher vorgestellt. Loewe, unter neuem Management, exponierte sich ebenfalls mit einem OLED-Modell und überraschte mit einer neuen Nomenklatur, die aber perfekt zur Marke paßt. Die Bewegtbildgeräte werden mit "Bild" und einer laufenden Nummer bezeichnet, die Audiogeräte mit "Klang" und einer laufenden Nummer. Visuelle Eleganz ist selbstverständlich, das gehobene Preissegment ebenso.

Auch Grundig hält sich eine designgetriebene Innovation zu Gute und ist als Weltfirma mit zehn Marken nach eigenem Bekunden sehr erfolgreich. Sharp meldet sich, in Deutschland weiterhin von Sascha Lange geführt, auf dem Fernsehmarkt zurück und beansprucht Technologieführerschaft. In Japan werde bereits ein 85-Zoll großer 8k-Fernseher verkauft. Im Hinblick auf das smarte Heim wird auch an Bildschirme in nicht rechteckiger Form nachgedacht, etwa oval zum Einbau in Spiegel oder andere Einrichtungsgegenstände.

Der Drang nach Höherem - LG und die Kunst

Bei LG gibt man sich nicht mehr mit gutem Design zufrieden, sondern macht gleich wirkliche Kunst, die "Art of Essence" um genau zu sein, also die Kunst des Wesentlichen. Dafür wurde im Freigelände unter dem Namen LG Signature eigens ein Rundbau errichtet, in dem eine multimediale Installation veranstaltet und einige markante Produkte unter bestimmten Perspektiven ausgestellt wurden. Diese Perspektiven erschienen als eine Art Metaphernkatalog: der Waschmaschine wurde beispielsweise der Mond zugeordnet, weil seine perfekt runde Form in der Rotation der Waschmaschinentrommel reflektiert werde.

Der OLED-Fernseher solle den sternklaren und sternenübersäten Nachthimmel verkörpern. Der Luftreiniger, ein in Deutschland ansonsten unübliches Produkt, wurde mit Regen, d.h. "reinem Wasser", assoziiert, doch jeder deutsche Umweltaktivist, der noch die 80er Jahre erlebt hat, schreit hier natürlich "saurer Regen"! Man spürt den Ehrgeiz des Unternehmens, die eigenen Produkte zu auratisieren, und vielleicht erlaubt die fernöstliche Kultur tatsächlich solch assoziatives Denken.

Die Gefahr, sich an der eigenen Poetik zu berauschen, droht indes auch, etwa wenn als Zweck der Produkte ausgerufen wird, "die Sinne des Nutzers zu erwecken", und wenn das Design als ebenso vollkommen verstanden wird, "wie die Worte in der Poesie". Fürs Erste wären wir in Europa schon zufrieden, ansprechende, durchdachte und zuverlässige Produkte angeboten zu bekommen. Das ist noch nicht überall der Fall. Gerade bei den Haushaltsgeräten zeigte LG manches Wunderliche und Befremdliche, was auf Unkenntnis deutscher Lebensverhältnisse schließen läßt.

IBM

Eine erfreuliche Überraschung war der Auftritt von IBM auf der Messe. Nicht mehr mit Endkundengeschäft befaßt zeigte man gewerbliche Entwicklungen und Forschungsvorhaben und belegte dafür einen Teil des Marshall-Hauses, das vom Ansturm der Massen üblicherweise verschont bleibt. Vor der Türe stand ein demnächst in Berlin zur Fertigung anstehender autonom fahrender Elektrotransporter namens Olli, den das US-Unternehmen Local Motors zum Jahresende in Berlin-Treptow zu produzieren beginnen wird.

Das 20 km/h langsame Gefährt ist nicht für den öffentlichen Verkehr gedacht, sondern soll auf Werksgeländen Fußwege entbehrlich machen. Die IBM Watson IoT Managerin Harriet Green brachte Olli in ihrer Keynote auch auf die Bühne. Drinnen zeigte IBM u.a. zwei kleine Roboter, die von der unter dem Namen Watson bekannt gewordenen Künstlichen Intelligenz versorgt wurden. Dieses System wird mit Bedacht ausgebaut, nämlich Anwendern, die ihre jeweilige Branche mit einem Expertensystem abbilden wollen, zur Ergänzung geöffnet.

Seifenblasenproduktion in der PR

Die PR-Seifenblasen-Fabrikanten haben einen neuen Innovationseuphemismus kreiert, die Vorsilbe re-, bevorzugt in "redefine" - als ob der jeweilige Fortschritt gleich auch einen völlig neuen Maßstab implizieren würde. Besonders tief in die Kiste mit den Re-Definitionen griff man bei Samsung. Da gilt als Unternehmensziel: redefining the consumer experience. Die Zukunft des Fernsehens ist selbstverständlich "Redefined by Quantum Dot". Aber auch ein marketingspezifischer Begriff wie die "schnellstwachsende Marke bei Haushaltsgeräten" kann redefiniert werden: Redefining the Fastest Growing Brand in Home Appliances.

Am Ende läßt sich sogar die Küchenerfahrung redefinieren: redefining the kitchen experience. LG will nicht hintanstehen und behauptet, Haushaltsgeräte neu erfunden zu haben, "reinvented". Berlin, laut Selbstaussage "the place to be", hat sich die IT-Kampagne "Log-in Berlin" zugelegt und sieht als seinen Standortvorteil "redefine the possible". Böse Zungen würden freilich behaupten, das jeweils Mögliche könnte dabei auch überraschend zurückgestutzt werden, etwa wenn sich die vor vielen Jahren erklärte Absicht, einen Großflughafen betriebsfähig zu errichten, als bislang nicht möglich erwiesen hat.

Der Smartphone-Hersteller ZTE behauptet von seinem Modell Axon, es ermögliche "Redefining Flagship Audio Experience". Bei Panasonic/Technics wird der Retro-Trend zum Vinylplattenspieler allen Ernstes als "Rediscover the music" beschrieben. Damit kann offensichtlich nur die Sehnsucht nach Kratzen, Rumpeln und Rauschen und vielleicht noch behutsam getupfter Naßabspielflüssigkeit gemeint sein.

Die Messe-Gesellschaft deklariert die IFA bekanntlich als "offiziellen Partner der Zukunft" - was zweifellos richtig ist. Der Haushaltsgerätehersteller Beko machte sich diesmal den Spaß und bezeichnete sich selbst als "offiziellen Partner des Alltags" - auch wahr. Das immerwährende Steigerungsspiel mit dem stets zu aktualisierenden Superlativ führte diesmal Grundig seiner - nun ja: ultimativen Lösung zu: "Das Beste vom Besten - jetzt noch besser".

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