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IFA 2016 in Berlin: IFA+ Summit

Verantwortlicher Autor: Gerhard Bachleitner München, 25.09.2016, 21:10 Uhr
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IFA+ Summit im City-Cube
IFA+ Summit im City-Cube  Bild: G. Bachleitner

München [ENA] Die IFA, Internationale Funkausstellung, in Berlin wird seit einigen Jahren vom Kongreß IFA+ Summit begleitet, in dem längerfristige Perspektiven für die gesellschaftliche Integration absehbarer (digitaler) Technik entworfen werden, auf Gebieten wie Verkehr, Medizin, Design, Big Data u.a.

Der IFA+ Summit 2016 hat sich gegenüber den amerikanisch geprägten Vorjahren gemäßigt und versachlicht. Statt kritikloser Euphorie entwarfen viele europäische Wissenschaftler und Unternehmensvertreter nun realistische Perspektiven für die technische Evolution und gesellschaftliche Transformation. Während die realistische Innovationskurve, die man auch als Gartner Hype-Kurve kennt, umwegig und gemäßigt flach ist, hatten sich die Kongreßorganisatoren programmatisch doch lieber den hinteren Ast der gerne gezeigten Marktpenetrationskurve ausgewählt und danach die erste Sitzung des Innovationsgipfels benannt: Exponential Technologies.

Weil der Eröffnungsvortrag einer Politikerin überlassen wurde, der französischen Digitalministerin Axelle Lemaire, sah sich der Zuhörer freilich noch sehr viel stärker auf den Boden der Tatsachen gedrückt. All die gutgemeinten und selbstermutigend gemeinten Positivbeispiele für europäische Technikentwicklung und die Zunahme von Wagniskapital konnten keinen Augenblick darüber hinwegtäuschen, daß sich Europa in der digitalen Defensive befindet.

Lemaire sagte es selbst: von den fünfzehn stärksten Unternehmen der Digitalwirtschaft sind elf amerikanisch, vier chinesisch. Was fällt einem europäischen Politiker da noch als Standortvorteil ein? Natürlich der Datenschutz, neudeutsch "Trust" oder noch etwas vollmundiger "Ethics". Dies ist allerdings schon seit zwanzig Jahren so, und Europas Bedeutung auf dem Weltmarkt ist dadurch nicht etwa besser, sondern geringer geworden - und man hat durch die Snowden-Enthüllungen gesehen, daß "die anderen" noch niederträchtiger sind, als bisher schon vermutet, und von keinerlei Schuldbewußtsein beschwert sind. Wer also braucht "Ethics"?

Ersatzmenschen und Ersatzteile

Auch am ersten greifbaren Objekt der Veranstaltung, dem niedlichen Roboter Myon, den Manfred Hild von der berliner Beuth-Hochschule mitgebracht hatte, ließe sich der Klassenunterschied veranschaulichen. Man hätte ihn nämlich mit dem kraftstrotzen-den "Atlas" der von Google aufgekauften Firma Boston Dynamics zu vergleichen. Atlas ist ein mannsgroßer, geborener Kämpfer, in den natürlich das amerikanische Militär investiert, und selbst wenn er nur bei Amazon im Lager arbeiten würde: diese beiden Auftraggeber/Einsatzgebiete fallen bei Myon weg. Der ist ein selbstgenüg-sames, einem Kind im Grundschulalter ähnelndes Institutswesen, das auch mal auf eine Opernbühne gestellt wird, ansonsten aber der Grundlagenforschung dient.

Diese Forschung ist zweifellos wichtig, und daß Hild das Roboterbein so konstruieren konnte, daß es bei fehlender Zentralsteuerung noch zur Selbstaufrichtung und Stabilisierung fähig ist, darf man als nützliche Erkenntnis der Bionik begrüßen. Myon wird aber nie in der Küche stehen und einem Gast ein Glas Apfelsaft einschenken. Hild macht sich über die Entwicklungschancen seines Geschöpfes auch keine Illusionen. Selbst in zehn Jahren seien keine Haushaltsroboter zu erwarten, dämpfte er die Erwartungen.

Ähnlich vorsichtig äußerte sich sein Kollege Frank Kirchner von der Uni Bremen, der Exoskelette für die Rehabilitation baut. Dabei besteht ja in diesem Teil der Medizin ein enormer Bedarf, um die durch Schlaganfall, Unfall, Polio oder andere Krankheiten an den Rollstuhl gefesselten Patienten zumindest teilweise wieder zu mobilisieren. * *

Wesentlich zukunftsfreudiger und zuversichtlicher klang zum gleichen Thema die englische Firmengründerin Samantha Payne, die bei Open Bionics nicht nur Prothesen anbietet, sondern sie eben digital vermessen läßt, gleich im 3-D-Drucker produziert, das traditionelle Sanitärgewerbe damit preislich und lieferzeitlich massiv unterbietet, neue Käuferschichten in der 3. Welt erschließt und in der Optik auch keine Anleihen aus Fantasy-Computerspielen verschmäht. So erobert man einen Markt, den Payne programmatisch als "augmented future" versteht.

Autonomer Verkehr

Mit einiger Verblüffung sahen wir auch, wie unspektakulär und gleichermaßen energisch die schweizerische Post Drohnen in ihren Lieferverkehr zu integrieren gewußt hat. Lukas Wrede, der als Deutscher freilich in den Diensten der kalifornischen Firma Skykart steht, stellte dieses sympathische Projekt vor. Die Drohne hat 1,80 m Spannweite, fliegt 20 km weit und nötigenfalls bis 3 km hoch und transportiert 5 kg Nutzlast. Diese Last wird selbständig aufgenommen, die Flugsteuerung erfolgt autonom, und der Empfänger kann bei Bedarf auch unterwegs erreicht werden. Ein solch gut durchdachtes und zukunftsweisendes Projekt sucht man hierzulande vergeblich, auch wenn die Deutsche Post ebenfalls schon mit Drohnen arbeitet.

Aber dort betreibt man Rationalisierung doch eher durch Beschäftigung ungelernter Arbeiter und Streichung von Zustelltagen. Aus deutscher Sicht sind Drohnen entweder bedrohlich, da militärisch konnotiert, oder überflüssig-bedenklich, da verkehrsverursachend. Daß der Marktführer dji aus China kommt (und auf der IFA in einem Gehege seine eleganten Produkte fliegen ließ), braucht insofern nicht zu wundern.

Auch das derzeit heiß umkämpfte Innovationsfeld Autonomes Fahren, zu dem Serkan Arslan von Nvidia referierte, hat man hierzulande keineswegs schon gesichert, d.h. für sich gewonnen. Allein schon die Herkunft der neuen Marktteilnehmer müßte zu denken geben: Nvidia - Grafikkartenhersteller -, Google - Suchmaschinenbetreiber -, Tesla - aus dem Nichts kommender Akkumulatorenakkumulator. Gewiß, bei Tesla gibt es Tote und Betaversionen von Software (man befindet sich eben in den USA), aber es wird zumindest gefahren. Ilja Radusch von Fraunhofer FOKUS dagegen macht sich am Schreibtisch Gedanken, wie man die logische Konsistenz von Computercode verifizieren kann. Wer wird den Markt erobern?

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