Dienstag, 12.12.2017 22:50 Uhr

Digital Lifestyle Preview anläßlich der IFA 2017

Verantwortlicher Autor: Gerhard Bachleitner München, 25.07.2017, 17:20 Uhr
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Weihnachten naht unaufhaltsam, und die IFA möchte Geschenkvorschläge machen
Weihnachten naht unaufhaltsam, und die IFA möchte Geschenkvorschläge machen  Bild: G. Bachleitner

München [ENA] Nein, Sie sind hier nicht im falschen Film oder im falschen Artikel, nur in der falschen Jahreszeit! Es war Ende Juni und hochsommerlich heiß, als in München die Preview aus Anlaß der IFA über die Bühne ging. Tatsächlich hat die IFA, vom 1.-6. September in Berlin, das Weihnachtsgeschäft im Blick.

Diese kühne Inszenierung hatten die Besucher der Presseveranstaltung hauptsächlich dem Unternehmen KD zu verdanken, das Kinderspielzeug zeigte und Weihnachten als Fest der Kinder verstand. Eine Drohne sollte für Buben heuer also schon auf dem Gabentisch liegen, und diejenige von KD hat den Vorteil einer Gestensteuerung, braucht also kein tüfteliges Steuergerät oder eine flächige App auf dem Smartphone. Von letzterem hat man allerdings einen Sensor übernommen, nämlich das Gyroskop, und es als eigenes, armbanduhrgroßes Element für das Handgelenk vorgesehen. Eingeschaltet wird mit einem dicken Knopf; der schwarz-rote Handschuh ist nur Dekoration.

Der Quadrocopter namens Aura ist recht flott unterwegs und so gut von einem elastischen Gerüst durchzogen und umgeben, daß sie bei Kollisionen weder Schaden nimmt noch anrichtet. Nach 8 min. Flugzeit muß die Maschine für eine Stunde an die Ladestation. Für die knapp 100 Euro, die das Gerät kostet, bieten andere Hersteller allerdings nicht nur Vergleichbares, sondern teilweise auch Leistungsfähigeres, beispielsweise einen Hexacopter, nicht so gut gepuffert und natürlich ohne Gestensteuerung, aber mit HD-Kamera.

Was erwartet Sie auf der IFA?

Einige weitere Neuheiten wurden ebenfalls schon im Vorfeld enthüllt: von LG wird es einen 77 Zoll großen OLED in ultradünner Bauweise geben, Loewe setzt ebenfalls massiv auf OLEDs, Sony läßt die Lautsprecher des Fernsehers verschwinden und den Bildschirm selbst den Ton erzeugen. Technisat glaubt, dem Thema Smart Home dadurch mehr Schwung zu verleihen, daß die dafür nötige Steuereinheit in Smart-TV-Geräte und Receiver eingebaut wird. Miele stellt nicht nur einen Saugroboter mit 3-D-Kamera vor, sondern kündigt auch "den größten Innovationssprung seit der Einführung der Induktion" an.

Auf der IFA in Berlin, deren Hallen schon seit April ausgebucht sind, findet der Besucher also ein kaum überschaubares Angebot an klassischer Unterhaltungselektronik, Mobilfunkgeräten, Computerspielen, Weißer Ware, Internet der Dinge, Smart-Home-Lösungen usw. Das bisherige IFA TecWatch-Forum, ehemals Technisch-Wissenschaftliches Forum, wird erneut weiter entwickelt und in den Rahmen IFA NEXT eingebettet. Institute für Forschung und Entwicklung, innovative Unternehmen und mehr als 160 internationale Start-ups präsentieren zukunftsweisende Produktideen. Aus dem IFA TecWatch-Forum wird gewissermaßen die "Innovation Engine" von IFA Next. Der IFA-Summit wandert ebenfalls in die für IFA Next reservierte Halle 26.

Unter den Keynotes, die diesmal von Pieter Nota, Philips, eröffnet werden, machen zwei Referent neugierig. Der chinesische Elektronikkonzern Huawei, u.a. drittgrößter Smartphone-Hersteller der Welt, wird von seinem Chef Richard Yu vorgestellt, und Terry Gou, Gründer der als Auftragsfertiger amerikanischer Unternehmen zu teilweise makabrer Bekanntheit gelangten Firma Foxconn erläutert die aktuelle strategische Positionierung seines Unternehmens.

Die IFA wird auch wieder einen externen Standort bespielen, Station Berlin am Gleisdreieck, wo Fachbesucher auf der IFA Global Market speziell Nicht-Markenhersteller aufsuchen können. Weiters bietet die IFA eine Bühne für neue Firmen mit den Startup Days. An sechs Thementagen stellen je 20 junge Gründer ihre Konzepte und Visionen vor. Das Enterprise Europe Network wird IFA Business Days abhalten. Und für die normalen Messebesucher gibt es Live-Konzerte im Sommergarten, mit den Fritz Deutschpoeten.

Das vernetzte Zuhause

Das Dauerthema - oder sollte man eher sagen: die Dauerbaustelle - Smart Home legt einen weiteren Jahresring zu. Beispielhaft erhielten wir auf der Preview-Veranstaltung die Konzepte und Marktzugänge von eQ-3, iHaus und Gigaset sowie dem Neuling Nello vorgeführt. Die wiederum mit Abstand unterhaltsamste Marktübersicht lieferte - wie schon vor zwei Jahren an gleicher Stelle - der Chef von eQ-3, Bernd Grohmann, dessen Talent, Salz in die Wunden der Branche zu streuen, bewundernswert ist.

Immerhin hat er das Glück, über ein seit vielen Jahren für die Bastlerszene des Elektronik-Versenders ELV entwickeltes, breites Sortiment ("Homematic") zu verfügen, das sich leicht um eine Funksteuerung mit IP-Protokoll ergänzen ließ ("Homematic IP"). Dies hat zwar zur Folge, daß zwei Funknetze parallel betrieben werden, das primäre der Endgerätesensoren und -aktoren bei 868 MHz, und das sekundäre als WLAN mitsamt Smartphone-Steuerung, aber einen Steuerungsrechner bräuchte man ohnehin, und mit Kosten von knapp 50 Euro fällt dieser "Access Point" vergleichsweise preisgünstig aus.

Gigaset, bisher hauptsächlich als Telefonhersteller bekannt, baut sein 2012 auf den Markt gebrachtes Alarmsystem aus und bietet mittlerweile neun verschiedene Sensoren an. Das Einsteigerpaket kostet knapp 200 Euro, eine Sicherheitslösung für ein Einfamilienhaus ist für knapp 700 Euro zu haben - durchaus interessante Preise für den traditionell eher hochpreisigen Markt. Gesendet wird nach der Norm DECT-ULE im 1,8 GHz-Bereich.

Sehr überschaubar ist die Haustürsteuerung von Nello ausgefallen. Als Anwendungsfall wurde die Paketzustellung in einem Mehrparteienhaus vorgeführt. Um dem Boten Zugang zum Haus zu gewähren, damit er das Paket vor der Wohnungstüre ablegen kann, wird die Gegensprechanlage IP-tauglich gemacht und läßt sich dann mit Fernsteuerung, Zeitsteuerung, Sprachsteuerung etc. ergänzen.

Für goldene Ohren

Im Audiobereich fallen die Innovationen üblicherweise weniger spektakulär aus. Neu in Deutschland wird sich der englische Radiohersteller Roberts (dort Marktführer) positionieren, dessen bisheriges Design auch sehr englisch, will sagen altmodisch-nostalgisch ausgesehen hat. Mit einer neuen Produktlinie findet man Anschluß an die internationale Formensprache. Die geschäftliche Expansion wird übrigens von einem guten Bekannten vorangetrieben, Ralf Reynolds, den wir bisher als Chef des mit seinen DAB-Radios erfolgreichen Herstellers Pure kannten.

Die üblicherweise monatlich abonnierte Musikübertragung im Internet, genannt Streaming, erhält Zuwachs durch die in Frankreich beheimatete Firma Qobuz, die ihre Luxusmarke Sublime propagiert. Wem gutes MP3 mit 192 kBit/s nicht reichen sollte, der kann hier "Hi-Res"-Audio mit 24 bit und 192 kHz Abtastrate bekommen, jenen Standard, den Sony einst, insgesamt recht erfolglos, als Luxusvariante der CD etablieren wollte.

Beides, der Datenträger wie der Dienst, suggeriert einen Mehrwert, der aufgrund der Hörgrenzen des Menschen einigermaßen illusionär, oder sagen wir es freundlicher: virtuell ist. Gar nicht zu reden von den Hardware-Voraussetzungen, die auf dem Fuße folgen würden. Qobuz selbst empfiehlt einen separaten, hochwertigen Digital-Analog-Wandler zur Umgehung der PC-internen Soundkarte, und Lautsprecher für einen mindestens vierstelligen Betrag sollten natürlich ebenso zur Verfügung stehen.

Hier wird offenkundig lediglich ein Distinktionsmerkmal geliefert, wie in jedem, zumal jedem technisch ausentwickelten und insofern egalitär-demokratischen Markt üblich. Qobuz kennt diesen Markt und das allgemein gesunkene Anspruchsniveau aber gut genug, um nicht in der Verkündigung eines Evangeliums zu verharren. Das Hi-Res-Streaming betrifft nur das teuerste Abo (349,99 € jährlich).

Das Einsteiger-Abo für knapp 10 Euro monatlich und mit dem bezeichnenden Namen Premium liefert auch schon 320 kBit/s, also das Maximum dessen, was MP3 hergibt. Diese Qualität zu einem marktüblichen Preis ist sicherlich ein sehr gutes Angebot. Das Hifi-Abo für knapp 20 Euro liefert die verlustlose Variante der CD, die im Streaming auch für das nächsthöhere Sublime-Abo gilt. Die Downloads sind dort dann in Hi-Res, müssen aber extra bezahlt werden. Im übrigen versteht sich Sublime als kuratierter Dienst, der auch ergänzende Informationen zum jeweiligen Titel und Künstler liefert.

VR - Mit der Achterbahn in die Ammergauer Alpen

Der Trend-Talk, von Christian Steiner, VRODO, moderiert, versuchte die Markt- und Entwicklungschancen von VR auszuloten, und zwar in einem bewußt weiten Spektrum, von der Arbeitswelt, in der es primär um Augmentierte oder Assistierte Realität gehen wird, bis zum Freizeitbereich, in dem etwa reale Achterbahnen eine VR-Schicht überlagert bekommen oder die Tourismusregion Ammergauer Alpen Werbung für ihre Destination macht.

Den gewerblichen Einsatz von AR schilderte Stefan Rupp von Brother und sprach bei dieser Gelegenheit auch das unvermeidliche Thema Datenschutz an. Die VR-Brille dient nicht nur der Arbeitserleichterung (und -dequalifizierung), sondern ist eben implizit auch ein Überwachungsinstrument, weil die digital erfaßten Handgriffe des Akteurs natürlich protokollierbar sind. Daß man auch ältere und limitierte Freizeitparks mit VR anreichern könne, erfuhren wir von Thomas Wagner, VR Coaster. Man koppelt gewissermaßen die realen Fliehkräfte mit imaginierten, visuellen Szenerien.

Auch im edukativen Bereich wurden schon Anwendungsfälle ausfindig gemacht. Weil man in Dubai ausgerechnet eine Schlittschuhbahn als Attraktion haben wollte, entstand das Problem, wie man den dortigen Einwohnern das Schlittschuhfahren beibringen könnte, das naturgemäß niemand beherrscht. Wie man jedoch die teure VR-Brille bei den allfälligen Stürzen in dieser Lernphase vor Beschädigungen schützt, wurde nicht verraten.

Diese Brille sah Florian Hoffrohne, der damit seine Ammergauer Alpen vermarkten will, als gewöhnungsbedürftiges Endgerät. Vielleicht sei er zu früh dran, denn in seiner alpinaffinen Klientel sei die VR-Erfahrung noch sehr dünn gesät. Oder etwas boshafter formuliert: die Begegnung mit der VR-Brille ist ein größeres Abenteuer als die Fahrt in die besagten Alpen. So äußerte sich Johann Schmidbauer, Pro7, skeptisch über die Erwartung einer raschen Verbreitung von VR.

Zweifellos sprach daraus auch das Beharrungsvermögen des etablierten Anbieters audiovisueller Erlebnisse, der gerade eben die Zumutungen des nichtlinearen Bewegtbildes verdauen muß und nun auch noch VR als zweiten stereoskopischen Angriff nach 3-D verkraften soll. Aber derzeit ist tatsächlich keine allgemein überzeugende Anwendung dieses Abbildungsprinzips erkennbar, die die noch sehr erheblichen Hardwarekosten rechtfertigen könnte. VR ist also vorerst wohl eher noch Zukunft als schon Gegenwart.

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