Dienstag, 12.12.2017 22:50 Uhr

Digital Lifestyle Preview anlässlich der IFA 2016

Verantwortlicher Autor: Gerhard Bachleitner München, 28.07.2016, 16:41 Uhr
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Teil der Ausstellung auf der Preview anlässlich der IFA
Teil der Ausstellung auf der Preview anlässlich der IFA  Bild: G. Bachleitner

München [ENA] Berlin lädt zur Internationalen Funkausstellung IFA von 2. bis 7. September 2016, dem Branchentreff für Unterhaltungselektronik, Hausgeräte, Hausvernetzung, Sicherheitslösungen, Mobilfunk, Computerspiele...- das Sortiment scheint sich immer noch zu erweitern.

Tatsächlich reicht das Messegelände trotz des neuen "City-Cube"-Gebäudes schon wieder nicht mehr aus. Die Messeleitung verlegt das Ausstellungs- und Informationsangebot für Fachbesucher und Experten "IFA Global Markets", vom 4. bis 7. September 2016, in die sog. Station Berlin am Gleisdreieck, die mit IFA-Pendelbussen vom Messegelände, vom Flughafen und einigen Hotels aus angefahren wird. Dort ist auch die Inside 3D Printing, angesiedelt, eine wichtige Ausstellung zum Thema 3D Druck und additive Fertigung. Außerdem wird dort das RoboUniverse zu finden sein, eine Fachmesse für die Serviceroboter-Industrie. Diese erste europäische Ausgabe der RoboUniverse findet am 4.- 7. September statt, die begleitende Konferenz am 5.- 6. September.

Selbst für den normalen Besucher ist das Angebot noch unüberschaubar groß, und der nachfolgende Überblick kann nur einige wenige Akzente setzen. Im Vorfeld wurden auf der Digital Lifestyle Preview anlässlich der IFA Mitte Juli 2016 in München einige Neuheiten gezeigt und in Referaten Entwicklungen besprochen. Das Kerngeschäft der IFA sind traditionell und noch immer Fernseher, möglichst groß, mit möglichst vielen Pixeln und möglichst schönen und smarten Pixeln. Das anfangs U-nheimliche Thema UHD ist nun in den Köpfen der Konsumenten angekommen, da jagt bereits die nächste Neuheit hinterher, HDR.

Man konnte sie im Vorjahr gelegentlich schon sehen, eher experimentell und noch ohne Normierung bei Quellkodierung und Übertragungskette. Bei letzterem ist man auch kaum weitergekommen, aber es wird mehr Bildschirme HDR ready geben, und die (Hollywood-)Filmproduktion, von der ja vorrangig die Inhalte kommen werden, hat sich des Themas angenommen. Mit HDR hat es freilich keine Eile, jedenfalls nicht im linearen Fernsehen, denn die deutschen Fernsehanstalten, die gerade erst HDTV bewältigt haben, werden noch Jahre brauchen, um UHD überhaupt nur in den Blick zu nehmen.

Es wird interessant zu sehen sein, wie sich die deutschen Traditionsmarken Loewe und Metz - und die ebenfalls noch in einem gewissen Sinne weitergeführten Grundig und Telefunken - in dem schwierigen Geschäft mit den Fernsehern, das ja mittlerweile auch mehrere japanische Hersteller aufgegeben haben, behaupten wollen. Von Loewe wurde bereits bekannt, daß OLED-Bildschirme in den Größen 55 und 65 Zoll vorgestellt werden.

DVB-T2 HD

Ein großes Thema, zumindest für die Zuschauer beim linearen Fernsehen, wird auf der IFA die Aktualisierung des Antennenfernsehens sein, das als DVB-T2 kürzlich in einigen Regionen aufgeschaltet wurde und dessen Ausbau zügig vorangehen wird. Bis zur Flächendeckung wird es noch dauern, aber 80 % der Bevölkerung möchte man in absehbarer Zeit erreichen. Die Zeit drängt aber auch für den Teilnehmer, denn Ende März nächsten Jahres wird DVB-T abgeschaltet.

Daß die federführende Infrastrukturfirma Media Broadcast gerade ihren Besitzer gewechselt hat und nunmehr als "Freenet TV" firmiert, rückt das Projekt in ein etwas schiefes Licht, denn jemand, der die öffentlich-rechtlichen Programme zu empfangen gedenkt, wird sich fragen, was er mit einer Firma namens Freenet TV zu tun haben soll. Und wenn er bei Nachfragen erfährt, daß Freenet Abos für die Privatsender verkauft, die 69 Euro im Jahr kosten, also gerade nicht "free" sind, wird er die Namensgebung für einen Betrugsversuch halten. Tatsächlich ist "Freenet TV" das terrestrische Gegenstück zur Hdplus-Plattform auf dem Satelliten, die dort aber nur 60 Euro/a kostet.

Zu berücksichtigen ist außerdem, daß der Betrag nicht pro Haushalt, sondern pro Empfangsgerät fällig wird. Ob hier eine wohnungsinterne Distribution per WLAN, "streaming", Abhilfe schaffen kann, ist unklar. Daß der Empfang der Privaten in der Aufbauphase, nämlich bis Ende Juni 2017, kostenfrei sein wird, ist sicherlich kein Trost, aber das Bezahlmodell war Voraussetzung für eine Mitwirkung der kommerziellen Sender, die mit ihrer Werbefinanzierung nicht mehr auszukommen glauben.

Smartes Spielzeug

Der amerikanische Hersteller Innovation First, ein Roboterbauer aus Texas, hat sein Sortiment sozusagen nach unten erweitert und bringt unter den Marken Vex Robotics und Hexbug Kinderspielzeug auf den deutschen Markt. Ein Roboterarm, der auch greifen kann, wurde im Ursprungsland als pädagogisches Spielzeug prämiiert, weil damit Programmierung gelernt werden kann. Für die ab 8 Jahre alten Kinder sind verschiedene Tierchen gedacht, Kampfspinnen, neudeutsch "Battle Spider", Feuerameisen, ein Scarabäus und andere Käfer. Die Spinnen werden mit einer kleinen Fernbedienung gesteuert und schießen mit Infrarotstrahlen aufeinander ("Fight with light").

Die Käfer bewegen sich auf 6 Beinen per Vibration fort und können in Röhren emporklettern. Diese Aktionen finden nicht etwa auf einem Spielfeld statt, sondern auf einem Schlachtfeld, neudeutsch "Battle Ground", woran zu sehen ist, wie ungehindert die martialische amerikanische Weltanschauung schon in der Kindererziehung wirkt. * * *

Weiteres Kriegsgerät sind ein Katapult - das Bälle bis zu 3 m weit schleudert - und eine Armbrust für Pfeile; mit einer archimedischen Schraube und einer motorischen Zählmaschine werden ebenfalls physikalische Grundlagen erfahrbar gemacht. Natürlich gehören Mädchen keinesfalls zur Zielgruppe, aber Jungen werden sich leicht mit den neonfarbigen Robotern anfreunden. Ob sich die Produkte gegen die Technik-Lernsortimente von Fischer-Technik und Lego auf dem deutschen Markt werden behaupten können, wird sich noch zeigen müssen. Die IFA ist jedenfalls ein guter Platz für die Präsentation.

"Smart Living"

Das Internet der Dinge wird im digitalen Zuhause weiteren Nachwuchs erhalten. Wir werden auf der IFA etliche Staubsaugerroboter sehen. Diesmal wird auch der chinesische Hersteller Ecovacs dabei sein, der auf der Preview außerdem einen Fensterputzroboter für etwa 400 Euro vorstellte. Der Sanitärartikelhersteller Oral-B entwickelte seine Zahnbürsten weiter, die dann sozusagen nicht nur bluetoothtauglich sind, sondern den smart tooth zum Ziel haben und die "personalisierte Zahnpflege" vorantreiben

Die neue Generation kann nun auch den Ort der Bürste im Gebiß feststellen und läßt keinen Bereich mehr ungeputzt. Diese Positionserkennung wird mit der Kamera des Smartphones vor dem Spiegel kalibriert. Selbstverständlich ist außerdem eine Andruckkontrolle, die bei zuviel Druck zur Mäßigung rät. * * * *

Vom Smart-Home zum Smart-Castle

Der Dauerbrenner Smart-Home wird erneut eines der Hauptthemen der IFA sein. Vorab konnten wir einen Blick auf das Sortiment von Coqon werfen, das natürlich, wie die Konkurrenz, mit offenem Standard und modularem Aufbau wirbt. Auch ein deutscher Entwicklungsstandort, in diesem Falle Bremen, zeichnet mehrere Konkurrenten aus. Daß das Einsteigerpaket schon für 400 Euro zu haben sein wird, ist für die Branche respektabel, wird aber wohl noch nicht ganz den Massenmarkt erreichen; halbwegs komplett ist mit bei 600 Euro. Als gewöhnlicher Hausbesitzer oder Wohnungsmieter hat man derzeit erst noch die Rauchmelderpflicht und die ebenfalls zwangsweise Umstellung auf "intelligente Stromzähler" zu verdauen.

Bezeichnend für die Branche kann man auch das Angebot von Smartfrog finden, wo eine "Sicherheitslösung" angeboten wird. Durch Marktforschung ermittelte man vorab die einschlägige Zahlungsbereitschaft der potenziellen Kundschaft und setzte den monatlichen Abopreis dann auf knapp 6 Euro fest. Was aber heißt hier Sicherheit? Eine oder mehrere Kameras überwachen die Wohnung und liefern ihre Bilder "in die Cloud", wo sie der Wohnungsinhaber verfolgen kann, doch für Überwachung und Einsatzplanung bleibt er selbst zuständig. Das gleiche Ergebnis erhielte er kostenlos, wenn er die Kamera(s) an seinen Router anschlösse, auf den er dann ebenfalls von unterwegs zugreifen kann.

Der Mehrwert der "IP-Cam" von Smartfrog, die Überwachungsvideos auf Geräusche oder Bewegungen im überwachten Objekt hin zu untersuchen, wirkt einigermaßen vage und ließe sich natürlich auch von einer lokal arbeitenden Software leisten. Man kann Smartfrog immerhin zugute halten, daß ein "Freemium"-Angebot gemacht wird, die Hauptfunktion also wie beschrieben auch kostenlos genutzt werden kann. Die Abo-Variante, also der Griff in den Geldbeutel, scheint eher der emotionalen Beruhigung, dem subjektiven Sicherheitsgefühl zu dienen.

IT-Sicherheit

Auf großes Interesse wird sicherlich der e-Blocker stoßen, der in der beide Preview-Veranstaltungen (in München und Hamburg) kumulierenden Bewertung mit weitem Abstand den "Preview Award" gewonnen hat. Diese Plug & Play-Lösung für anonymes Surfen auf allen Geräten wird als weißer Würfel geliefert, etwa so groß wie einst der "Zauberwürfel". Welcher magische Verhüllungsmechanismus mag darin stecken? Das Geheimnis ist rasch gelüftet: ein Mini-PC der Gattung Raspberry Pi - in diesem Falle ein Banana Pi - steckt darin, wird mit einem entsprechend konfigurierten Betriebssystem betrieben und läßt, bereits am Router angeschlossen, alle identifikatorischen Daten ins Leere laufen.

Der Geschäftsführer Christian Bennefeld gehörte früher zur Branche der Tracker, kennt also die einschlägigen Tricks, wie man Internetpassanten verfolgt und ihre Daten verkauft. Daß er gewissermaßen vom Saulus zum Paulus geworden ist, kann man als bemerkenswerten Sinneswandel hoch anrechnen. Er selbst will daraus jedoch kein Evangelium machen, sondern nur beweisen, daß man auch ohne Ausbeutung persönlicher Daten Werbung betreiben kann, und hält deshalb weiterhin Anteile an seiner früheren Tracker-Firma.

Die positive Resonanz bereits im Vorfeld zeigt, wie stark die Wahrnehmung digitaler Fremdbestimmung beim Nutzer inzwischen geworden ist - und wie unfähig dieser ist, eine vergleichbare Sicherungsinfrastruktur selbst einzurichten. Tatsächlich gibt es mittlerweile Browser, die ungenehmigtes Tracken grundsätzlich ausschließen. Vor einiger Zeit schon erregte der Internet Explorer mit dieser Funktion Aufsehen. Etwas später kam u.a. Cliqz dazu, der die Anzahl der jeweils abgefangenen Tracker anzeigt, und so beginnt man sich bei manchen Web-Seiten sehr zu wundern, weit über hundert oder sogar mehrere hundert Tracker verzeichnet zu bekommen, während seriöse Seiten nur eine Handvoll einsetzen.

Der e-Blocker ermöglicht darüber hinaus aber auch eine vollständige Anonymisierung, die man gegen vielfältige Geo-Blockaden gut brauchen kann. Aufgrund des Hardwareaufwandes in dem Bananenkuchen - handelt es sich doch um einen recht potenten Mehrkernprozessor - ist der e-Blocker nicht ganz billig, und daß man sozusagen einen zweiten, vollständigen Rechner braucht, um den ersten zu schützen, sagt auch einiges über die heutigen Netzwerkverhältnisse, aber als bequeme Komplettlösung mag sich der eine oder andere diesen Luxus gönnen.

VR

Das Thema Virtuelle Realität, VR, ist inzwischen im Handel angekommen. Martin Wild von Mediamarkt/Saturn schilderte mehrere Projekte seines Hauses, "Von IoT bis zum Roboter als shopping-Queen". Sehr bald wird der Kunde vor digitalen Preisschildern mit NFC-Komponente stehen und sich im Laden mit "Instore Navigation" auf dem Streicheltelefon orientieren. Am Regal überwacht ein Detektor den Griff zur Ware und läßt das entsprechende Erklärvideo auf dem Bildschirm daneben ablaufen; "Smart Shelf" sagt der Neudeutsche dazu. Ein digitaler Kassenzettel wird an den elektronischen Briefkasten des Kunden geschickt, d.h. der Kunde ist dem Händler namentlich bekannt.

In der Niederlassung in Köln wird der Roboter Nao getestet. Er soll Interessenten das smarte Heim erklären, muß also mindestens so smart wie dieses Angebot sein. In Düsseldorf wird eine Lieferdrohne namens Starship eingesetzt, die aber nicht fliegt, sondern auf sechs Rädern bis 4 km fahren können soll. Im Stammhaus in Ingolstadt kann man dem Roboter Paul des Fraunhofer-Instituts begegnen, der in etwa die Rolle eines Butlers übernimmt. Ebenfalls in Ingolstadt kann der Kunde eine VR-Brille aufsetzen, um seine zukünftige Küche in ihren Formen, Farben und Dimensionen quasi körperlich erfahren zu können.

"Das Auto im Wohnzimmer" sah Christian Ries, von 3dexcite, dem VR-Ableger des französischen Dassault-Konzerns, auf uns zukommen. In wenigen Jahren, etwa 2019, werde es einen holographischen Tisch geben, auf dem man beispielsweise ein Auto in Spielzeuggröße aus allen Richtungen betrachten und konfigurieren könne. Weder konnte uns diese Hardwareprognose überzeugen, noch erscheint das herkömmliche Automobil als wirklich zukunftweisendes Referenzobjekt.

Die Virtuelle Realität wurde auf der erwähnten Preview auch in einem von Andrew Weber, Nitro-Magazin, moderierten Trendtalk "Vom TV zum Totalviewing" behandelt und erhielt ungeplante Aktualität durch das wenige Tage vorher ausgebrochene Pokemon Go-Fieber. Dieses von Nintendo geschickt lancierte Smartphone-Spiel ist zwar keine VR-Anwendung, macht aber mit seiner erweiterten "augmentierten" Realität, AR, einen wichtigen Schritt dorthin. Das vom Telefon gezeigte Kamerabild wird mit virtuellen Objekten, eben jenen Pokemons, besiedelt, und der Spieler muß sie erhaschen, will er Punkte, also virtuelle Belohnungen, erhalten.

Vor mehreren Jahren gab es nach dem selben Prinzip schon das "Geo-Caching", Versteckspiel in der (geologischen) Wirklichkeit. Es ist über die Nische jedoch nie hinausgekommen. Vermutlich war es zu ernsthaft. Nun ist zu beobachten, daß erst die sinnfreie Jagd nach infantilen Fantasiefiguren im japanischen Geschmack eine Massenbewegung auslöst, die nicht nur zu Verkehrsstauungen führt, sondern auch zu vermehrter körperlicher Bewegung in der Welt 1.0, was der Volksgesundheit zugute kommen soll. Daß das Spiel auch den Aktienkursen der beteiligten Firmen zugute gekommen ist, könnte manchen ins Grübeln bringen - über die Maut für die Wächter am Eingang zum Traumreich.

Klaus Böhm von der Beratungsfirma Deloitte sah einen enorm wachsenden Markt voraus, allerdings eher zweigleisig: VR als Immersionserlebnis für den Konsumenten und AR als Handlungs- und Orientierungsprinzip im produzierenden Gewerbe. Letzteres ist auch keine Neuheit, sondern wird seit vielen Jahren mehr oder weniger intensiv erforscht und hat zu Anwendungen in Marketing, Schulung, Produktion, Wartung und Logistik geführt. Auf Seiten klassischer Bewegtbildanbieter scheint man die Herausforderung noch wenig wahrzunehmen. Bemerkenswert aktiv ist hier Arte, wo man bereits eine 360-Grad-Doku über die Arktis bewältigt hat und derzeit eine neue Softwareanwendung für VR vorbereitet.

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