Dienstag, 12.12.2017 22:51 Uhr

Digital Business Preview mit Cebit 2017 im Blick

Verantwortlicher Autor: Gerhard Bachleitner München, 07.02.2017, 19:14 Uhr
Kommentar: +++ Internet und Technik +++ Bericht 4830x gelesen
Digital Business Preview in München
Digital Business Preview in München  Bild: Veranstalter

München [ENA] Im Vorfeld von CeBit in Hannover - 20. bis 24. März - und Mobile World Congress in Barcelona - 27. Februar bis 2. März - gab die Konferenz Digital Business Preview Ende Januar 2017 Einblicke in einige wichtige Themenfelder: KI, Industrie 4.0, Big Data, "Diconomy".

Dieter Reichert von Censhare, einem Berater und Dienstleister für digitale Kommunikation, griff forsch das Cebit-Kernthema Industrie 4.0 auf und bog es zu Mensch 4.0 um. In der Tat, eine Industrie 4.0 wird unvermeidlich auch von weiter entwickelten Menschen betrieben werden müssen, doch die europäische Selbstberuhigung, es werde mit der Effizienzsteigerung der Wirtschaft sein Bewenden haben, könnte sich als zu kurz gedacht entpuppen. Reichert zitierte auch gleich den Chefdenker der Zukunftseuphorie, Ray Kurzweil, der es bekanntlich geschafft hat, seine Visionen (oder Illusionen) in die institutionelle Form einer Universität zu gießen, die Singularity University.

Kurzweil wird seine Botschaft auch persönlich auf der Cebit vortragen, und man könnte vermuten, daß sich die deutschen Digitalstrategen und IT-Fachleute mal wieder an einer kräftigen Erlösungsphantasie berauschen wollen, die sie ja aus eigener Vernunft und Logik legitimerweise nicht zustande zu bringen vermögen. Was Reichert im O-Ton Kurzweil zitierte, war eine infantile Wachstums- und Allmachtsphantasie, die keiner weiteren Erwähnung wert wäre, würde sie nicht von amerikanischen Firmen ernst genommen und würde Kurzweil nicht für Google arbeiten.

Zwar ist nicht zu befürchten, daß Kurzweil rechthaben könnte, doch im Verfolg seiner Thesen wird so viel gesellschaftsveränderndes Potential und Material in Bewegung gesetzt werden, daß noch genügend Disruptionen und echte Fortschritte übrig bleiben werden - und sich natürlich auch die amerikanische Dominanz in der globalen Gestaltung der Lebenswelt fortsetzen wird. *

Nichts Neues - oder doch?

Bereits in den 50er Jahren war die Künstliche Intelligenz, KI, ein großes amerikanisches Forschungsprojekt, wurde aber an Universitäten und mit vergleichsweise lächerlich geringer Computerleistung betrieben. Daß die damaligen Fortschrittsprognosen so jämmerlich illusionär waren, ficht die heutigen Propagandisten nicht an, und die KI, die Google heute betreibt, wird um so eher erfolgreich sein, als sie immer auch mit Blick auf Marktfähigkeit entwickelt werden wird.

Big Data gibt einen Vorgeschmack darauf, wie wenig Erkenntnis es braucht, um (lukrative) Schlüsse zu ziehen: Kausalität wird durch Korrelation ersetzt. Wenn Google schon so erfolgreich damit ist, Suchanfragen durch schiere Masse zu erledigen (und 99% Schrott zu liefern), was wird uns bei der Verbesserung der Heuristik durch semantische und lernfähige Komponenten erwarten, die bereits im Gange ist? Reichert rückte die Proportionen illusionslos-sarkastisch zurecht: die Künstliche Intelligenz wird letztlich nicht so schwierig werden, weil es mit der natürlichen Intelligenz des Menschen - in seiner Massenhaftigkeit und Durchschnittlichkeit - nicht so weit her ist.

In der Tat, es geht nicht darum, "Geist" oder Vernunft maschinell-algorithmisch zu imitieren, sondern es reicht, die wichtigsten Verhaltensweisen und Entscheidungsprozeduren des Menschen als sozialem Wesen zu ermitteln, herauszuschneiden und auf technische Systeme zu portieren. Während in der alten KI das Erkenntnisinteresse, die Rekonstruktion des Menschen als denkendem Wesen, im Vordergrund stand, muß man heute als Motor stets seine Substitution argwöhnen. So wird die KI als Arbeitsplatzvernichter immer stärker diskutiert werden (müssen).

Reichert brachte in diesem Zusammenhang eine alte wirtschaftspolitische Kontroverse in Erinnerung, die in Zeiten des staatlich geförderten oder verordneten Neoliberalismus unter den Teppich gekehrt war, aber natürlich nicht geklärt und beantwortet ist. Wenn der Kapitalismus auf der Produktionsseite so unglaublich effektiv wird, daß er kaum noch Arbeiter benötigt - wer von den "freigesetzten" Arbeitern ohne Einkommen soll dann all die hübschen neuen Produkte kaufen?

Da scheint die Strategie der römischen Kaiserzeit, panem et circenses, Brot und Spiele, vergleichsweise fortschrittlich und klug, denn heutzutage läßt man die digitalen Globalisierungsverlierer erst einmal nur ins gesellschaftliche Abseits rutschen und gibt sie alternativlos der Marginalisierung preis. Wie die römischen Kaiser ihr Sedierungsprogramm finanzierten, entzieht sich unserer Kenntnis, doch daß die heutigen Staaten, die längst zur Beute der Wirtschaft geworden sind, dazu nicht in der Lage sein werden, dürfte klar sein.

Chatbots dringen in den Alltag ein

Gewissermaßen das Kleingeld der KI nahm sich Patrick Zimmermann von Knowhere in seinem Vortrag über die Chatbots der nächsten Generation vor. Auch hier reicht die Ahnenreihe etliche Jahrzehnte zurück, zu Joseph Weizenbaums "Eliza", die einen psychotherapeutischen Dialog imitieren oder vielmehr parodieren sollte. Schon damals war mit einer höchst simplen Gesprächsstrategie der Erfolg so groß, daß Weizenbaum darüber zum KI-Kritiker par excellence wurde und sein ganzes Leben lang blieb.

Heute stehen geschäftliche Zwecke im Vordergrund, etwa die "Verbesserung des Kundendialogs". Wo bisher vorgefertigte Formulare Disziplin vom Kunden verlangten, kommt ihm nun die Freitexteingabe komfortabel entgegen. Der Gewinn für das Unternehmen sind eine geringere Abbruchrate beim Dialog und die genauere Kenntnis der Kundenbedürfnisse. Dagegen wäre nichts einzuwenden - wenn denn die Ergebnisse auch tatsächlich so individuell ausgewertet würden, wie es künftig möglich sein wird. Zu befürchten ist, daß sich das (tendenziell bornierte) Marketing auch in Zukunft ungern von der Wirklichkeit widerlegen lassen wird, sondern unliebsame Antworten mit statistischen Tricks beiseite schieben wird.

Der herrische Gestus einer Befehlserteilung, den digitale Assistenten vom Schlage des Amazon Echo oder der einschlägigen Smartphone-Programme erlauben, ist als Motivation des Benutzers nicht zu unterschätzen. Zimmermann sah eine Generation heranwachsen, die mit Spracheingabe und Messengern groß werden - und natürlich gar nicht merken, daß die Spracheingabe nur das Lockmittel, der wahre Zweck aber das Abgreifen der persönlichen Daten ist.

Wenn künftig für ein Kommunikationsmodell "mehr Interaktivität" versprochen wird, kann man sicher sein, daß der Rückkanal zum Anbieter der Hauptzweck der Veranstaltung ist. Oder warum sollte sich jemand - so ein anderes Beispiel von Zimmermann - Nachrichten in Chat-Dialogform erzählen lassen? Natürlich weil sich damit Interessen, Wissensstand und Erkenntnisdrang des Nutzers wie mit der Lupe anschauen lassen. Für postfaktische US-Präsidenten und alternativlose hiesige Bundeskanzlerinnen eröffnet sich hier künftig eine ausgedehnte Spielwiese, um ihre jeweilige Weltsicht in den Bürgern zu implementieren.

Dauerthema Sicherheit

Große Bedeutung wird auf der CeBit traditionell das Thema Sicherheit haben. Auf der Digital Business Preview trugen dazu gleich vier Firmen vor, Accenture, Trend Micro, Eset und Sophos. Wie zu erwarten war, wurde auch hier allenthalben Wachstum (der Bedrohungen) gemeldet. Udo Schneider, Sicherheitsexperte bei Trend Micro, warnte eindringlich vor Erpressungstrojanern, neudeutsch Ransomware genannt, die inzwischen nicht mehr nur herkömmliche Rechner, sondern auch Smartphones und IoT-Geräte befallen.

Accenture sieht die deutschen Unternehmen angreifbar wie noch nie. Ergebnis einer Umfrage in 15 Ländern unter 2.000 Verantwortlichen für IT-Sicherheit war u.a., daß ein Drittel der digitalen Angriffe erfolgreich war. Diese Zahl ist um so erschreckender, als die ausgewählten Unternehmen einen Jahresumsatz von mehr als einer Milliarde US-Dollar haben, also wohl doch über eine ausgefeilte IT-Infrastruktur verfügen sollten.

Zum Thema Sicherheit gehört im weiteren Sinne auch das Authentisierungsverfahren Blockchain, das die Finanzdienstleister und Juristen intensiv beschäftigt. Hier geht es um Rechtssicherheit, die tendenziell oder grundsätzlich durch technische Verfahren ersetzt werden soll. Der einschlägige Anglizismus hierfür lautet " Smart Contracts" und kann ungefähr mit "selbstausführende Verträge" übersetzt werden. Dabei ist jetzt schon abzusehen, daß auch diese amerikanische Innovation in Spannung oder Widerspruch zum deutschen Rechtsverständnis steht, also ein Disruptionsversuch auf der Ebene des Rechts zu erwarten sein wird.

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