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Digital Business Preview 2018 - Digitalisierungsimpulse

Verantwortlicher Autor: Gerhard Bachleitner München, 25.02.2018, 20:07 Uhr
Kommentar: +++ Internet und Technik +++ Bericht 4873x gelesen
Der Roboterarm von Franka Emika, mit dem Deutschen Zukunftspreis ausgezeichnet.
Der Roboterarm von Franka Emika, mit dem Deutschen Zukunftspreis ausgezeichnet.  Bild: Hersteller

München [ENA] Die Digital Business Preview stellte Anfang Februar in München einige Firmen im Hinblick auf die erstmals im Juni in Hannover stattfindende Computermesse CeBit vor. Diese sucht offenkundig nach einem neuen Profil und nennt sich jetzt "Europas Business-Festival für Innovation und Digitalisierung".

Die Innovationsschlacht um die Automatisierung des Fahrens ist noch längst nicht entschieden. Deutsche Unternehmen leisten weiterhin wichtige Beiträge, die den automobilen Verkehr sicherer und komfortabler machen. Für den Audi A8 hat die Saarbrücker Firma SemVox eine intelligente Sprachsteuerung entwickelt, die mehr als zweihundert Funktionen beherrscht. Wo der auditive Kanal unpassend ist, wird mit einem Berührungsbildschirm gearbeitet.

In die selbe Richtung geht die junge Berliner Firma German Autolabs, die den Assistenten Chris vorstellte, der für jedes Auto geeignet ist. Hier wird naturgemäß nicht auf fahrzeugspezifische Funktionen gezielt, sondern eher auf die Optimierung von Kommunikationsaufgaben und Unterhaltung beim Fahren. Wie er allerdings die Konkurrenz zu den bereits in den Smartphones eingebauten, gängigen Assistenten bestehen wird, bleibt abzuwarten.

'Personalisierung' im Handel

Für den Einzelhandel entwickelt die Berliner Firma So1 ein flexibles Preissystem. Diese Anwendung der Digitalisierung war schon seit einiger Zeit absehbar, wird nun aber tatsächlich im Markt realisiert und leistet der vom Handel gewünschten Preisintransparenz Vorschub. Beworben wird das System mit der Möglichkeit kundenindividueller und artikelspezifischer Preisnachlässe. Das Kundenprofil wird auf Basis von vorangegangen Kauftransaktionen und Warenkörben, die mit einer anonymen Kundenkarte verbunden sind, gebildet.

Die Folge der Flexibilisierung ist, daß es keine für alle Kunden gültigen Preise mehr gibt. Das Einkaufen wird also zu einem manipulativen Akt des Verkäufers gemacht. "Der gewünschte Effekt ist, dass sich der Umsatz pro Kunde erhöht." Statt der vermeintlichen Einsparungen durch Rabatte verliert der Kunde also Geld. Die Entmündigung des Verbrauchers durch 'Personalisierung' schreitet offenbar unaufhaltsam voran.

Datenvirtualisierung

In ein hochabstraktes Thema führte Klaus Lindinger von der Frankfurter Firma dataWerks ein, die Datenvirtualisierung, mit der sich nur ganz wenige Firmen weltweit beschäftigen. Lindinger stellte eine offensichtlich brillante Echtzeit-Datenauswertung für die vier weltgrößten Freizeitparks vor und machte dabei das Ausmaß der digitalen Logistik deutlich, von deren Erfordernis der normale Besucher keine Vorstellung hat. Die täglich etwa 150.000 Besucher werden mit RFID-bestückten Armbändern versehen.

Diese Daten mit überschaubarem Aufwand in Echtzeit auszuwerten, etwa um auf Besucherandrang und Wartezeiten reagieren zu können, erfordert ein intelligentes Datenmanagement, eben die Virtualisierung, die man sich ungefähr als Raster vorstellen kann, das auf vorhandenen Datenbestand gelegt wird, ohne dessen Daten im Einzelnen anfassen zu müssen. "Die vereinheitlichte Datenanordnung dient als Abstraktionsschicht zum Erstellen von Daten-Mashups über Quellen und Formate hinweg." heißt das für den Informatiker.

Das System erlaubt auch eine sehr erfreuliche Optimierung in einem wichtigen Teil eines solchen Parkbesuches, der Bedienung im Restaurant. Das vorher ausgewählte Essen wird ausgeliefert, sobald sich der Besucher im Restaurant befindet - ohne Wartezeit. Das dient einerseits dem Restaurantbetreiber, der seinen Umsatz pro Stunde erhöhen kann, andererseits auch dem Besucher, dem durch Wartezeit keine Attraktionen verloren gehen, die er sonst vielleicht nicht mehr besichtigen könnte.

Robotik auf dem Weg in den Alltag

Einen geradezu tröstlichen Vortrag hörte man von Simon Haddadin, Franka Emika, einer Firma, die mit dem Deutschen Zukunftspreis ausgezeichnet wurde. Tatsächlich wird dort Zukunft gestaltet, was man hierzulande ja kaum noch gewöhnt ist. Man will die Industrierobotik, wie sie seit einigen Jahrzehnten im Einsatz ist, endlich massenmarkttauglich machen und mußte dazu mehrere Begrenzungen überwinden: die Aufgabenspezialisierung und die Nötigung zu individueller Anpassung, das damit einhergehende Kostenproblem, die fehlende Skalierbarkeit und die mangelnde Flexibilität in menschlich-robotischer Interaktion.

In der Forschung wird seit einiger Zeit die Kollissionsdetektion diskutiert, Voraussetzung für einen Robotereinsatz in einem häuslichen Umfeld. Haddadin verglich diese Funktion mit dem schnell reagierenden Reflexsystem im menschlichen Körper, das hauptsächlich im Rückenmark untergebracht ist und beispielsweise beim Stolpern oder Fallen für Schadensvermeidung sorgt. Eine andere menschliche Analogie wirkt ein wenig kurios, wird aber beim Zuschauen sofort verständlich. Die sechs Bewegungsrichtungen herkömmlicher Roboter genügen für bestimmte Aufgaben nicht. Um in seinem eigenen Nahbereich tätig werden zu können, braucht der Roboterarm einen Ellbogen, d.h. der Arm muß angewinkelt werden können.

Auch bei der Robotersteuerung ging man neue Wege und entwarf eine Programmieroberfläche, die kein Mechatronik- und Informatik-Studium zur Voraussetzung hat, sondern leicht zu bedienen ist. Für jedes Handlungsmodul gibt es eine 'App', die dann auch auf andere Umgebungen portierbar ist. Es werden also keine Handlungen für den Ort x programmiert, sondern ein Verhalten mit dem Ziel y, wie es dem menschlichen Lernen entspricht.

Am dringendsten werden vermutlich Pflegeroboter gebraucht, um den hiesigen Pflegenotstand zu lindern. Als Unterstützung im Haushalt wäre ein solcher Roboter sicherlich höchst willkommen und wird derzeit zu einem Preis ab 40.000 Euro erwartet. Das wäre allerdings noch kein voll entwickelter Humanoid mit menschlichen Kräften. Die derzeit erreichbaren Traglasten sind noch bescheiden. Der Anfang aber wäre gemacht, und es bleibt zu hoffen, daß dann auch eine entsprechend innovationsfreundliche Atmosphäre in der Gesellschaft herrscht, wie man sie etwa von Japan kennt.

Blockchain - viel mehr als Bitcoin

Auch der Trendtalk zum Thema Blockchain erweckte Innovationshoffnungen. Goldgräberstimmung mochte trotzdem nicht aufkommen, auch wenn Bitcoins bekanntermaßen 'geschürft' werden. Die von Simon Hülsbömer, Computerwoche, moderierten Diskutanten waren sich einig, daß hier ein Entwicklungsfeld vor uns liegt, das noch gestaltungsoffen ist, während auf vielen anderen Feldern der digitale Zug für Europa abgefahren ist. Die Blockchain gilt als eminent komplexes Gebiet, das softwareingenieurstechnisch hohe Anforderungen stellt.

Immerhin geht es hier um eine wichtige Innovation in der Datensicherheit, nämlich um die Digitalisierung von Vertrauen. Das ermöglicht einerseits die Ausgabe digitaler Währungen, die als solche anzuerkennen auf die erwartbaren Widerstände der dafür bisher einschlägigen Institutionen stößt. Allerdings schränkt die hohe Volatilität etwa des Bitcoin seinen Einsatz für Bezahlvorgänge im Alltag stark ein, und die hohen, auch energetisch bedingten Transaktionskosten tun ein übriges, das Verfahren hierzulande zu diskreditieren.

Andererseits gibt es genügend nichtmonetäre Anwendungen, etwa mit 'smart contracts', die Rechtssicherheit als Datensicherheit neu und disruptiv modellieren. Dort stehen naturgemäß zahlreiche, bisher hoheitlich wahrgenommene Aufgaben zur Disposition, und die Innovationswilligkeit einer Gesellschaft wird sich daran messen lassen, ob sie darauf nur mit Verweigerung und Verboten reagiert oder ob sie den Impuls zur Umgestaltung der überkommenen Strukturen aufzunehmen vermag.

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