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Deutscher Social TV Summit 2016 - Der Kampf um den Nutzer

Verantwortlicher Autor: Gerhard Bachleitner München, 05.07.2016, 15:50 Uhr
Kommentar: +++ Internet und Technik +++ Bericht 7050x gelesen
Die gut besuchte Veranstaltung im Literaturhaus München
Die gut besuchte Veranstaltung im Literaturhaus München  Bild: Veranstalter

München [ENA] Zum fünften Mal fand Ende Juni 2016 in München die Konferenz der BLM zur Konvergenz von klassischem Fernsehen und aktueller "sozialer" Netzwerkkommunikation statt. Besonders friedlich geht es aber nicht zu bei diesem "Kampf um den Nutzer im Social Web".

Schon der Untertitel bringt die Ambivalenz der heutigen Diskussion um die Bedeutung des Bewegtbildes in den sozialen Netzwerken zur Sprache:sichtbar, präsent, abhängig? Präsenz ist offenkundig nicht umsonst zu haben, und von wem man sich dabei abhängig macht, sollte man sich vorher gut überlegen. Da sich aber die Frontlinien immerfort ändern, tut Orientierung not. Hellseher traten, glücklicherweise, bei der Konferenz nicht auf, auch wenn manche Prognose schon recht gewagt daherkam. Die Entwicklung von netzwerkgetriebenem Fernsehen wird einerseits wie ein unvermeidliches Naturereignis verstanden oder hingenommen, andererseits aber als wünschenswerte und nur noch nicht ausreichend verbreitete Zukunft der digitalen Kommunikation herbeigesehnt.

Zwischen Akzeptanz und Ablehnung positionieren sich einerseits die Generationen - die Erwachsenen glauben, um die Gunst der Jüngeren buhlen zu müssen, weil sie in deren Medien sonst nicht (mehr) vorkommen -, und andererseits treffen hier offenkundig die eine maximale und monetarisierbare Datentransparenz mit demokratischer Offenheit verwechselnde kalifornische Ideologie und der restriktive deutsche Datenschutz aufeinander, dessen Prinzip der Datensparsamkeit allein schon die Konzeption eines sozialen Netzwerkes nach amerikanischem Muster ausgeschlossen hätte.

Die Bestandsaufnahme

In der unübersichtlichen Überlappungszone von klassischem Bewegtbild und mehr oder weniger kuratierter Individualkommunikation mit Bewegtbildelementen überhaupt nur die richtigen Fragen zu stellen, wäre schon eine Kunst: wovon reden wir denn, und wo wollen wir hin? Bertram Gugels realistische Bestandsaufnahme zu Beginn fiel überzeugender als sein Fazit am Ende aus, das allenfalls Fragmente einsammelte. Erfolgreich kann man herkömmliche Fernsehsendungen in der Welt der Netzwerke nicht nennen, wenn es nur drei von ihnen bei Youtube unter die populärsten 100 geschafft haben, darunter die Pro7-Wissenschafts-Show Galileo.

Vielleicht ist das aber schon der falsche Maßstab, denn weshalb sollte deutsches Fernsehen, das in Teilen ja durchaus mit Qualitätsanspruch gemacht wird, mit Inhalten auf einer Plattform konkurrieren, die auch ganz andere Erwartungen und Zielsetzungen bedient. Auffällig schienen Gugel immerhin die Tendenz zur Professionalisierung der Youtuber, die ja von Google mit eigenen Studios unterstützt werden, und die Bestrebungen, bei Beurteilung und Auswahl über bloße Algorithmen hinauszukommen und durch Kuratierung gewissermaßen journalistische Verdichtung zu erreichen.

Als nicht zu unterschätzende Komplikation benannte Gugel die zunehmende Verlagerung der Netzkommunikation in die von außen unzugänglichen, abgeschlossenen Netzwerke, etwa vom Typus der Messenger. Dadurch verschwänden die Nutzer für unabhängige Statistik und Datenerhebung, denn derartige Dienste stellten naturgemäß keine APIs zur Verfügung. Daß auf diese Weise soziometrische Fragestellungen an den Mauern privatwirtschaftlicher Fimen enden, mag den Statistiker betrüben. Viel einschneidender ist aber doch, daß mit dieser Landnahme und Parzellierung immer größere Teile des egalitären und zugangsoffenen Internets für den selbstbestimmten Nutzer unzugänglich werden.

Pioniere

Solche Sorgen plagten Claus Strunz vom Springer-Verlag nicht, wo ja die Inhalte auch schon hinter der Bezahlschranke verschwunden sind. Daß seinem Medienhaus die Bewältigung der drohenden Disruption des Geschäfts gut gelungen sei, belegte er mit einschlägigen Zahlen und Fakten, ausgehend von einem Urerlebnis im Januar, als er im Sat1-Frühstücksfernsehen ein Thema ansprach, dessen Resonanz in den sozialen Netzwerken um ein Vielfaches höher als im Fernsehen selbst wurde. Ehrlicherweise führte er publizistischen Erfolg in diesen Netzwerken auf die Einnahme jener Haltung zurück, die man als den Boulevard-Habitus der "Bild"-Zeitung bezeichnen könnte.

Diese Kongruenz und Konvergenz drücke sich nicht zuletzt dadurch aus, daß Facebook kürzlich angekündigt habe, für "Bild"-Inhalte zahlen zu wollen, was aus Verlagssicht natürlich als Einstieg in die ersehnte Monetarisierung des digitalen Vertriebsweges gefeiert wird. Aus etwas anderer, spöttischer Perspektive wird man sagen: da haben sich aber die Richtigen gefunden. Da hat ein Nachrichtenportal des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, in diesem Falle heute+ vom ZDF, naturgemäß andere Probleme.

Dr. Clas Dammann konnte schon als Erfolg werten, daß er eine Altersgruppe über 21 ins Visier nehmen kann, während der Altersdurchschnitt sonst in dieser Branche bekanntlich nur mit gerontophilen Maßnahmen bespielt wird. Da konnte die Youtuberin Lisa Sophie nur nachsichtig daran erinnern, daß den wirklich Jungen, unter 21, bereits Facebook "zu alt" sei. Gleichwohl versuche sie Nachrichtenjournalismus zu betreiben, obwohl Nachrichten auf Youtube eigentlich nicht erwartet würden.

Das Snapchat-Mysterium

Als das wirklich junge Medium gilt in der Szene Snapchat, das auch erklärtermaßen die Generationen scheiden soll: wer den Dienst nicht versteht, gehört zu den Erwachsenen, also Unbefugten. Dies gaben die Referenten unumwunden zu, und Carsta Maria Müller, Pro7, erläuterte anschaulich, daß sie in ihrem Sender eine ganze Woche im April damit zugebracht habe, den eigenen Mitarbeitern den Dienst zu erklären. Man verfüge jetzt über den größten Snapchat-Kanal in Deutschland, wobei "Kanal" natürlich ein falscher Begriff aus der alten Senderwelt wäre; schon die Youtube-"Kanäle" sind eigentlich nur Archive. Für einen herkömmlichen, privaten Fernsehsender ist es sicher ein Erfolg, sich in der neuen Infrastruktur ohne Peinlichkeit exponiert zu haben.

Müllers Rezept hierfür war auch nicht überraschend: "Authentisch sein!". Diese Maxime kommt einem sehr bekannt vor. Sie ist Teil der Transparenzideologie der Netzwerke, findet sich aber ebenso gut in den Slogans von Modemarken, die Individualismus mit den Mitteln des Konformismus verkaufen wollen. In der Soziologie spräche man vermutlich von einem Prozeß der Enthierarchisierung und Dequalifikation: benutzereigene Inhalte auf Medienplattformen, Selbstverlag und unabhängige Musikproduktion statt Lektoratshürden und knebelnde Schallplattenverträge, Ersatz zertifizierter Taxifahrer und Beherbergungsbetriebe durch Ad-hoc-Mitfahr- und Mitwohngelegenheiten usw.

Man könnte sich im Falle von Snapchat auch fragen: weshalb soll ich ein Netzwerk verstehen und angemessen beliefern wollen, dessen Architektur sich irgendwelche Firmengründer in dem fremden Kulturraum des Silicon Valley ausgedacht haben? Weshalb sollte der potenzielle Nutzer die Beweislast übernehmen, seine Bedürfnisse an diese fremde Architektur anpassen zu sollen - statt daß diese sozialen Architekten die Beweislast tragen, den Nutzer mit seinen tatsächlichen Bedürfnissen wahr und ernst zu nehmen. Weshalb sollte man einer beliebigen Software, die ja stets vorgedachte und vorgetane Handlung ist, gestatten, größere Teile der Gesellschaft in ihren Kommunikationsstrukturen umzubauen?

Den Hebel für diesen mentalen Perspektivenwechsel lieferte Müller beiläufig auch schon mit: die Snapchat-Inhalte "muß man selbst auch anschauen wollen". Könnte es demnach sein, daß Erwachsene dort nicht hingehen, weil sie das einfach nicht sehen wollen (was dort abzusondern von ihnen erwartet würde)? Schon Müllers kurze Beispielsequenzen ließen Schlimmes befürchten. Zur Kenntlichkeit entstellte sich das Medium dann in den Demonstrationen von Felix Loesner, der für den FC-Bayern München Snapchat organisiert.

Hier wird der banale Inhalt, die ebenso ritualisierte wie hoch bezahlte Jagd nach einem Ball, durch eine läppische Form, belanglose Videoschnipsel von den Protagonisten, nur noch verstärkt. Da die Rechte an den Spielen selbst natürlich anderweitig verkauft sind, bleibt für Snapchat eben nur "authentisch sein" übrig. * * *

Live is live - mehr oder weniger

Mit Live Streams ist es aber auch für die, denen diese Rechte noch gehören, nicht so einfach, wie die Diskussion "Livestreams zur Nutzerbindung" vorführte. Martin Heller, Welt/N24, beklagte die Undurchschaubarkeit des Facebook-Algorithmus, die keine zuverlässige Plazierung von Inhalten erlaube. Nichtsdestotrotz glaubte er, daß die Anforderungen einer solchen Live-Berichterstattung den Journalismus besser machten, weil er sich dann eher dem Urteil der Rezipienten stellen müsse. Fernsehmoderator und Schauspieler Thore Schölermann sah in der Reichweitenstärke von Live-Berichterstattung darüber hinaus noch die Gefahr, den Boden nachrichtlicher Neutralität zu verlassen.

In den USA wurden im Zuge des Vorwahlkampfes auch bereits Fragen nach dieser Neutralität der Netzwerke diskutiert. Ansonsten betonte auch Schölermann die Wichtigkeit der Authentizität und hielt zu forsche Strategien der Juvenilisierung und Infantilisierung für abwegig und erfolglos. Sein Rezept lief allerdings auf ein Oxymoron hinaus: Professionalisierung der Spontaneität. Diese Schauspielertugend paßt wahrscheinlich ganz gut in die Welt routinierter Selbstdarsteller, als die man die Netzwerke auch beschreiben kann.

Damit kennen sich traditionelle Fernsehmacher ebenfalls aus, jedenfalls die sozial "kreativen" mit ihren drehbuchgestützten Pseudodokumentationen ('scripted reality'). Die Wohngemeinschaft, die das neue Portal RTL2You auf den Bildschirm bringt, wird hingegen, wie Christian Nienaber beteuerte, von derartigen Vorgaben frei bleiben. Man erwarte lediglich 50 min. sendefähiges Video täglich.

Dies paßt zu der Beobachtung, daß die durchschnittliche Verweildauer des Zuschauers in dieser "App" über 20 min. beträgt - für Smartphone-Nutzung natürlich ein exorbitanter Wert. Auch so kann also die angestrebte Synthese von Fernsehen und sozialem Netzwerk aussehen: vom Fernsehen das Sendungsformat, vom Netzwerk die Rezeptionssituation mit Kommentierung und Weiterleitung ('sharing').

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